«Die Sonderpädagogik begleitet mich schon mein ganzes Leben»

Im farbenreichen Büro von Susanne Anrig hat alles seinen Platz und seine Bedeutung: das Abschiedsgeschenk der Kinder von einer früheren Arbeitsstelle, das Plakat eines Inklusionsprojekts mit dem Spruch «Am Meer rauscht es nach Wasser», das kleine Steinmännchen oder die Etagere von Vitra, die auf dem Tisch thront und Spielzeuge enthält, die sie im Laufe der Berufsjahre gesammelt hat. Die 51-Jährige hat zu allen Dekorationsstücken eine persönliche Beziehung. Und diese ist ihr auch in der Zusammenarbeit mit Menschen wichtig.

Heilpädagogik als roter Lebensfaden
Susanne Anrig ist Heilpädagogin mit Leib und Seele. Deshalb hat sie mit Freude die Chance ergriffen, die sonderpädagogische Schullandschaft ihres Wohnkantons mitzuprägen. «Von der separativen Sonderschulung bis hin zur Begabtenförderung gehört alles zur Sonderpädagogik. Die persönliche Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren und die gleichzeitige Überblickbarkeit des Kantons reizen mich», erzählt sie. Sie mag es, in ein Team und in ein Umfeld eingebunden zu sein, in welchem die Menschen verschiedenste Hintergründe mitbringen.

Aufgewachsen in Sargans kam Susanne Anrig bereits im Kindergarten in Berührung mit einem Mädchen mit Behinderung. «Als Kind habe ich das sehr positiv erlebt. Dann hatte ich im Kindergartenseminar erneut Kontakt mit einem Knaben mit kognitiver Behinderung und schrieb schliesslich eine meiner Abschlussarbeiten über die Integration von Kindern mit Behinderung im Kindergarten. Das Thema war damals noch neu», schildert sie rückblickend. Und so kam es, dass sich das Thema Heilpädagogik als roter Faden durch ihr Leben zu ziehen begann.

Mittlerweile ist sie seit gut 30 Jahren im Bildungswesen tätig – davon über 20 Jahre als Heilpädagogin und Schulleiterin in der integrativen wie auch in der separativen Schulung. Dabei lag der Schwerpunkt auf Schülerinnen und Schülern mit kognitiven Behinderungen. Den Grundstein für diese Tätigkeit legte sie nach acht Jahren als Kindergärtnerin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Dort erwarb sie kurz nach der Jahrtausendwende ihren Abschluss mit einer Spezialisierung auf Pädagogik für Menschen mit kognitiver Behinderung. Und nicht nur das: nebenberuflich arbeitete Susanne Anrig auch als Reittherapeutin, in Forschungsprojekten und in der Erwachsenenbildung für Menschen mit Behinderungen.

Zielorientiert und mit Herzblut für die Sonderpädagogik
Die Verankerung der auf den 1. August 2022 in Kraft getretenen «Verordnung Sonderpädagogik» ist ein grosses Thema in der täglichen Arbeit von Susanne Anrig. Die Schulen können nun gestützt auf das Schulprogramm selbst entscheiden, wie sie die verfügbaren Ressourcen für die heil-, sozial- oder regelpädagogische Förderung von Einzelnen, Gruppen oder Klassen einsetzen. Dies macht das ganze System flexibler und reduziert den administrativen Aufwand für die Schulen. Betroffene Kinder werden mit dem Fokus auf ganze Klassen weniger stigmatisiert. «Die Schulen müssen lernen, mit diesem Gestaltungsfreiraum umzugehen. Dies bedarf dem Aufbau von entsprechendem Know-how und von Erfahrung. Viele Schulen sind da bereits gut unterwegs», führt Susanne Anrig aus.

Derzeit nimmt an den Schulen die integrative Sonderschulung aufgrund von sozialpädagogischen Indikationen zu. Damit sind nicht etwa Kinder mit kognitiven, körperlichen oder Sinnesbehinderungen gemeint, sondern solche mit Auffälligkeiten auf Verhaltensebene, also beispielsweise verbale oder körperliche Gewalttätigkeit. Trotz der Begleitung durch Sozialpädagoginnen und –pädagogen fordert die Integration dieser Kinder die Lehrpersonen und die Schulen heraus. «Es braucht deshalb auch mehr Sozialpädagoginnen und –pädagogen. Das verschärft den bereits grossen Fachkräftemangel zusätzlich», betont Susanne Anrig.

Auch die Plätze an den Tagessonderschulen sind knapp. Kurzfristig soll hier in Zusammenarbeit mit den bestehenden Anbietern mehr Kapazitäten geschaffen werden. Um die mittel- und langfristigen Ziele zu erarbeiten, braucht es eine umfassende Bedarfsanalyse mit einer Antizipation der künftigen Schülerzahlen. Diese wird demnächst angestossen.

Und in Zukunft?
Auf die Frage, wie sie ihre eigene Zukunft sieht, meint Susanne Anrig lächelnd: «Im Moment ist in meinem Leben alles rundum gut, und ich bin happy, wenn es so weitergeht». Für Susanne Anrig bedeutet das neben dem Beruf auch, sich in der Freizeit der Kultur, der Musik und der Literatur zu widmen sowie in der Natur unterwegs zu sein – am liebsten als begeisterte Western-Reiterin mit dem eigenen Pferd.

Bild Legende:

«Mich hat an der Sonderpädagogik immer interessiert, für jede Schülerin und jeden Schüler den ganz individuellen Weg zu suchen. Es war für mich als Lehrerin immer ein Privileg, diesen Menschen ressourcenorientierte Ziele setzen zu dürfen und sie auf eine kreative Art und Weise bei ihrem nächsten Schritt zu begleiten.»