«Es braucht natürlich ein Ei. Aber das weiss man doch!»

Rezept für ein besonderes Weihnachtsguetzli

Wenn sich jeweils Mitte November etwas mehr als 100 Frauen in Trachten zusammenfanden und bei einer Tasse Kaffee ihre Stricknadeln in den Wettkampf schickten, war er endlich wieder da: der Spinnet. Neben gemütlichem Beisammensein hatten die Frauen der Trachtengruppe an diesem Tag nur ein grosses Ziel, nämlich möglichst viele Quadrate an eine farbenfrohe Strickdecke beizusteuern, die im darauffolgenden Jahr verlost werden sollte. Damit sie bei Kräften blieben, bekam jede einen Teller mit Chnöiblätze, Tirggeli, Kokosmakrönli, Brätzeli und den allseits bekannten Haferflockenguetzli, die ich sogleich zu meinem Lieblingsgebäck erkor.

Als Dirigent war es mir wichtig, die Bräuche des Trachtenwesens zu pflegen und so fragte ich das Ehrenmitglied Elisabeth Weber nach dem Rezept. Jahr für Jahr versuchte ich die goldbraunen Taler nachzubacken und als Teil meiner Weihnachtssäckli an Freunde und Bekannte zu verschenken. Doch sie wollten einfach nicht gelingen, bröckelten oder fielen gar auseinander. Immer und immer wieder nahm ich das liebevoll auf ein Notizblockzetteli geschriebene Rezept zur Hand, kam aber keinem Fehler auf die Schliche.

Irgendwann nahm ich all meinen Mut zusammen und stellte mich mit Ehrfurcht vor den Backkünsten der Trachtenfrauen vor das backerprobte Ehrenmitglied Elisabeth Weber. Ich senkte den Kopf leicht nach unten und fragte die Autorin um Rat. Die 80-jährige richtete ruhig ihren silberfarbigen Chignon, faltete die Hände, hob den Kopf etwas an und erwiderte erhaben: «Michael, es braucht natürlich ein Ei. Aber das weiss man doch!» Seither backe ich die Haferflockenguetzli zu jeder Gelegenheit – auch zu Weihnachten.


Rezept (mindestens 3-fache Menge)

  • 100 Gramm Butter mit 100 Gramm Zucker schaumig rühren.
  • Etwas Zitronenrinde, 100 Gramm Mehl, 100 Gramm Haferflocken, einen Kaffeelöffel Backpulver, eine Prise Salz und ein Ei daruntermischen.
  • Kleine Häufchen auf das mit Backpapier belegte Backblech geben.
  • Bei 200 Grad ca. 10 Minuten in der Mitte des Ofens backen.

Der Spinnet
In alten Zeiten kamen die Bäuerinnen alljährlich in der kalten Jahreszeit zusammen und strickten, häkelten, flickten oder sponnen Flachs – daher der Name «Spinnet». Dafür stellte eine der Frauen ihre Stube zur Verfügung und bewirtete ihre Gäste mit Kaffee und Gebäck. Männer hatten erst am Abend Zutritt, nachdem die Stallarbeit erledigt war. Als Nachtessen wurden traditionellerweise Zunge oder Hamme mit Kartoffelstock serviert. Danach wurde gesungen und zu Örgelimusik das Tanzbein geschwungen. Später wurde der Anlass ins dörfliche Wirtshaus und in Aulen verlegt, wo er auch heute noch Publikum findet. In Gümligen BE wurden gar einige ausgewählte Männer bereits am Nachmittag zugelassen – schliesslich will man auch im Trachtenwesen modern sein.


Text: Michael Lehner, Kommunikation BKSD

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Haferflockenguetzli
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Das Originalrezept