Prometheus' Erbe: Antike Schmucksteine und ihre Geheimnisse
Lilian Raselli, Leiterin des Museums Augusta Raurica, stellt ihr Lieblingsobjekt aus der Römerstadt vor. Als Archäologin interessieren und faszinieren sie römische Schmucksteine. Denn diese geben trotz ihres Miniaturformats erstaunlich viele spannende Geschichten preis.
Im Verlauf meiner langjährigen Tätigkeit als Archäologin und Museumsleiterin hatte ich das Privileg, an verschiedenen Orten viele unterschiedliche antike Gegenstände direkt in meinen Händen zu halten. Auch heute noch verspüre ich eine tiefe Faszination, wenn ich eine besonderes Objekt ohne Glasvitrine direkt betrachten und berühren kann. In solchen Momenten frage ich mich, wer es wohl zuletzt in den Händen hielt, wie es verwendet wurde, und warum es auf eine bestimmte Weise hergestellt wurde.
Dieses Interesse erstreckt sich insbesondere auf antike römische Schmucksteine, die mit eingravierten Bildern römische Fingerringe schmückten. Trotz der Vielzahl dieser sogenannten Gemmen, die ich begutachten durfte, hat meine Begeisterung für ihre Betrachtung und die individuellen Motive, die sie tragen, nie abgenommen. Denn diese Miniaturkunstwerke offenbaren viele Details über ihre früheren Trägerinnen und Träger: ihre Vorlieben, vergangene Liebesbeziehungen, politische oder mythologische Ereignisse - zudem legen sie Zeugnis ab über die ausgedehnten Handelsbeziehungen im römischen Reich, die bis in den Fernen Osten reichten.
Als Beispiel für meine persönliche Lieblingsgattung möchte ich eine aussergewöhnliche Gemme vorstellen, die auf dem Gelände von Augusta Raurica entdeckt wurde. Der dreilagige Stein ist ein sogenannter mehrfarbiger Sardonyx, der vor allem in Indien zu finden ist.
Römerinnen und Römer waren geradezu süchtig nach farbigen Halbedelsteinen, zu denen auch Sardonyxe gehörten. Diese wertvollen Steine wurden von der indischen Ostküste über Sri Lanka auf die arabische Halbinsel verschifft und von dort über den Landweg zu den hochspezialisierten Gemmenschneidern ins römische Reich gebracht. Unser Stein zeigt drei Farbschichten - Rotgelb, Weiss und Schwarz -, typisch für diese Steinart, die zur Gruppe der Achate gehört. Die Farben konnten jedoch schon in der Antike auch künstlich erzeugt werden, wie der römische Forscher Plinius beschrieb.
Die eingravierte Darstellung auf unserer Gemme zeigt eine auf den ersten Blick seltsame Szene: eine nur mit einem herabfallenden Mantel bekleidete männliche Figur zieht kraftvoll an einem Seil, um einen schweren Gegenstand über eine Stange zu heben. Es handelt sich
um Prometheus, eine zentrale Gestalt der griechischen Mythologie und eine der spannendsten mythischen Figuren. Er soll die Menschen nach dem Ebenbild der Götter erschaffen haben, denen er auch das Feuer brachte und dafür vom Göttervater Zeus mit der Fesselung an einen Felsen bestraft wurde. Durch die Jahrtausende inspirierte dieser Mythos Kunstschaffende und Literaten. Dazu zählt zum Beispiel Mary Shelleys Roman «Frankenstein».
Nach Jahrhunderten der Folter soll Prometheus vom Helden Herkules von den Fesseln erlöst worden sein. Ein Stück des Felsens trug Prometheus fortan als Schmuckstein am Finger. Er war damit also eigentlich der erste Gemmenträger überhaupt.
Das Motiv auf unserer Gemme zeigt genau den Moment, in dem Prometheus den Oberkörper eines Menschen formt und ihn an einer Messlatte hochzieht, um seine Proportionen festzulegen. Aufgrund des Stils können wir die Gravur auf das 1. Jahrhundert vor Christus datieren, also noch vor der Gründung der römischen Stadt Augusta Raurica. Der Stein hatte also vor dem Verlust im Boden mehrere Ringträger oder -trägerinnen.
Die Darstellung kennen wir auch von anderen Gemmen in verschiedenen Museumssammlungen. Das Stück aus Augusta Raurica ist jedoch bedeutsam. Denn es ist der einzige Stein dieser Gruppe mit gesichertem archäologischem Fundort und belegt die Authentizität des Motivs als antike und nicht neuzeitliche Schöpfung.
Ist es nicht erstaunlich, wie viele Geschichten ein winziger Stein von gerade einmal zwei auf anderthalb Zentimeter Grösse zu erzählen vermag?
Text: Lilian Raselli, Römerstadt Augusta Raurica