Mit Lesen die Gemeinschaft stärken
Seit Mitte Oktober 2024 bietet die Kantonsbibliothek Baselland das niederschwellige Literaturvermittlungsformat «Shared Reading» an. Dieses ermöglicht eine persönliche Auseinandersetzung mit Literatur und fördert Gemeinschaftsgefühl und gesellschaftlichen Austausch.
Shared Reading, das gemeinsame Lesen in einer Gruppe, hat sich weltweit etabliert. Alles begann in den 1990er Jahren in Liverpool. Jane Davis, eine angehende Doktorandin der Englischen Literaturwissenschaften, war frustriert darüber, wie Literatur an der Universität unterrichtet wurde. Um eine Alternative zu schaffen, begann sie, Abendkurse anzubieten, in denen sie mit Studierenden gemeinsam Texte las und über ihre Eindrücke sprach. Davis stellte schnell fest, dass besonders dieses persönliche und wertfreie gemeinsame Lesen die Studierenden anzog. Sie konnte jedoch kaum ahnen, dass diese Initiative innerhalb von 28 Jahren zu einer weltweiten Bewegung werden würde.
Literatur und Menschen begegnen
Im Oktober 2024 entschied sich die Kantonsbibliothek Baselland (KBL), Shared Reading anzubieten. Dieses Format wurde bereits in vielen deutschsprachigen Bibliotheken erfolgreich erprobt. Während 90 Minuten kommen Menschen verschiedenen Alters und mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen, um gemeinsam eine Kurzgeschichte und ein Gedicht laut zu lesen. Eine ausgebildete Leseleitung begleitet die Gruppe durch den Prozess. Dabei gibt es keine richtige oder falsche Interpretation – vielmehr geht es darum, eigene Gefühle und Erlebnisse in Bezug auf den Text einzubringen.
Da kein Vorwissen erforderlich ist, kann jede und jeder sofort mitmachen. So fördert Shared Reading sowohl innerhalb der Lesegruppe als auch in der breiten Gesellschaft das Gemeinschaftsgefühl und unterstützt die soziale Integration. Auch in der KBL stiess das neue Format auf grosses Interesse. Deshalb wird seit Anfang 2025 neben der deutschsprachigen Ausgabe am Mittwoch nun auch freitags ein Shared Reading auf Englisch angeboten. Damit leistet die KBL einen wichtigen Beitrag zum Austausch zwischen Angehörigen verschiedener gesellschaftlichen Gruppen.
Vielfältige Einsatzmöglichkeiten
Neben Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken wird Shared Reading im Vereinigten Königreich und im deutschsprachigen Raum zunehmend auch in Gemeinschaftszentren, Gefängnissen und Gesundheitseinrichtungen eingesetzt. Gerade benachteiligte Gruppen erhalten so einen niederschwelligen Zugang zur Literatur und werden ermutigt, sich aktiv zu beteiligen. Shared Reading wurde bereits für Menschen mit Demenz, chronischen Schmerzen oder Suchtkrankheiten angeboten. Studien belegen, dass diese Menschen sich weniger isoliert fühlen, ihre Umwelt positiver wahrnehmen und eine stärkere soziale Einbindung erleben. Zudem berichten viele Teilnehmende, dass sie nach Shared Reading entspannter sind. So hilft Shared Reading, die Resilienz der Teilnehmenden zu stärken und Krisen besser zu bewältigen.
Text: Veronika Timashkova, Kantonsbibliothek Baselland