2. BBZ-BL Symposium: Hat Handwerk noch goldenen Boden?

An der zweiten Ausgabe des BBZ BL-Symposiums vom 26. April 2023 trafen sich in Anwesenheit von Monica Gschwind an der Berufsbildung Interessierte und Beteiligte aus Politik, Verwaltung, Branchenverbänden und Lehrbetrieben in den ÜK-Räumen von Suissetec Nordwestschweiz in Liestal. Inputreferat und Podiumsdiskussion gingen der Frage nach, wie man Jugendliche vermehrt für eine handwerkliche Lehre motivieren könnte.   

Der Fachkräftemangel in den Handwerksberufen spitzt sich zu, die Löhne sind immer attraktiver, und doch werden sie immer unpopulärer. Stellen Unternehmen zu hohe Anforderungen an die Jugendlichen? Oder sind diese in den letzten Jahren schulisch schwächer geworden?

Professor Dr. Markus Maurer, Dozent und Inhaber der Professur für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich, ging in seinem Inputreferat auf verschiedene Aspekte ein. Eine entscheidende Rolle bei Laufbahnentscheiden spielen die Erziehungsberechtigten, und die Peer-Group sowie das gesellschaftliche Ansehen von Berufen und Branchen. So ist das Interesse an sozialen und pädagogischen Berufen in den letzten 20 Jahren stark gewachsen. Detailhandel, Baugewerbe oder Coiffeure können ihren Ausbildungsbedarf hingegen immer schwerer decken. Im internationalen Vergleich ist der Anteil der Berufsbildung in der Schweiz trotz globalem Trend zur Akademisierung jedoch immer noch sehr hoch.

In der Schweiz auffallend sind ausserdem die enormen Leistungsunterschiede insbesondere in Deutsch und Mathematik zwischen Jugendlichen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund. Die Leistungsstarken schlagen vermehrt den Weg über die Mittelschulen ein. Viele Ausbildungsbetriebe geben deshalb Lernenden eine Chance, die die schulischen Anforderungen nicht mitbringen. Umso wichtiger werden dann Unterstützungs- und Förderangebote während der Lehre. Auch sollen Erwachsene, die bereits über einen Berufsabschluss verfügen, eine Chance für eine verkürzte oder besser entlohnte Zweitlehre erhalten. Die schulischen Anforderungen sollen jedoch bewusst hoch gehalten werden, damit die Berufe nicht automatisch an Ansehen verlieren. Auch die verbesserte Information über Fortbildungsmöglichkeiten in der Höheren Berufsbildung steigert die Attraktivität der Berufslehren.

Am anschliessenden Podium fielen pointierte Aussagen von der angehenden Schreinerin Madeleine Montagne, die nach Abbruch eines Studiums zu ihrer Lehre gefunden hatte: «Mit 15 weiss man noch nicht wirklich, was man später beruflich machen möchte. Man hat in diesem Alter tausend andere Dinge im Kopf. Wichtig ist ausserdem, welches Klima im Lehrbetrieb herrscht. Wenn wir ‘Stifte’, und damit ‘kopflose Nieten’, genannt werden, macht es keinen Spass. Wir sind Lernende, die leisten, was wir können.» In einer für weibliche Lernende unangenehmen Atmosphäre in immer noch zu vielen Betrieben sieht sie den Hauptgrund für den Mangel an Frauen in Handwerksberufen.

Auch der Maler-Lernende Rosario Jauslin forderte neben einer korrekten Ausbildung eine stärkere Kontrolle der Lehrbetriebe. Beide Lernenden wollen zudem weg vom Image, dass eine Lehre «Drecksarbeit» bedeute. «Die schulisch Besseren gehen ans Gymnasium oder an die FMS, die Schlechteren machen eine Lehre». Man solle jedoch stark bleiben und auch als starker Schüler oder Schülerin eine Berufslehre machen, wenn das den eigenen Interessen entspreche.

Nicole Cornu vom Gewerkschaftsbund betonte, dass es den meisten Betrieben gut gelinge, ihre Lernenden professionell auszubilden. Allerdings regte sie verpflichtende Aus- und Weiterbildungen für Praxisbildnerinnen und Praxisbildner an. Laut Luc Musy vom Branchenverband der Metallindustrie sollten Lernende als «wertvolles Gut» geschätzt und gepflegt werden. «Hier sollten wir selbstkritisch sein und uns verbessern, damit wir die Ausgebildeten nicht verlieren.» Dem schloss sich auch Suissetec-Vertreterin Rosi Wohlgemuth an: sie möchte ebenfalls ausgebildete Lernende im eigenen Betrieb behalten, vor allem auch jene mit einer Berufsmaturität.

Die Anregungen der Gesprächsteilnehmenden in Richtung Politik reichten von finanziellen Ergänzungshilfen für erwachsene Lernende über den Ausbau von naturwissenschaftlichen Fächern sowie Werken und Handarbeit in der Mittelstufe bis hin zu regelmässigen Betriebspraktika für Lehrpersonen. Um Jugendliche davon abzuhalten, nach der Sekundarschule als ungelernte Hilfskraft zu jobben und kurzfristig besser zu verdienen als Lernende - ein vor allem in der Baubranche verbreitetes Phänomen -, sollen die entsprechenden Verbände zusammen mit Erziehungsberechtigten und Volksschule aktiv werden.  

Dass dem Mangel an Fachkräften in Handwerksberufen entgegengewirkt werden muss, wurde deutlich - ebenso, dass es dazu die Zusammenarbeit von Politik, Verbänden, Lehrbetrieben, Schule und Erziehungsberechtigten benötigt. Die Herausforderungen und Lösungsansätze liegen auf dem Tisch, und alle Beteiligten sind gewillt, sie anzugehen. Auch wenn die aktuellen Zahlen etwas anderes suggerieren: die Ausgangslage für eine Stärkung der Berufsbildung ist vielleicht so gut wie selten zuvor.

Denise Schlienger, Informationsbeauftragte BBZ BL

Fotos: Philipp Ramseier