Aus dem Alltag einer PICTS-Lehrperson (Teil 2)
Warum brauchen wir PICTS-Lehrpersonen?
Im Gegensatz zu anderen Fächern ist der Wandel in Medien und Informatik (MI) rasant, weshalb aus meiner Sicht der Einsatz von PICTS-Lehrpersonen gerechtfertigt, ja sogar notwendig ist. Wir sind nicht technische Troubleshooter, sondern beschäftigen uns mit der Frage, wie der Unterricht mit digitalen Mitteln ergänzt, verbessert, oder einfach abwechslungsreicher gestaltet werden kann. Wenn ich mich mit meinen frisch ausgebildeten PICTS-Kolleginnen und -Kollegen bei uns im Team austausche, spüre ich die Freude und den Tatendrang, die wir als Pädagoginnen und Pädagogen auch in diesem Gebiet haben.
Vor allem für Lehrpersonen, die der digitale Wandel wenig begeistert, ist ein PICTS als niederschwellige Ansprechperson Gold wert. Das Kollegium weiss, wann wir vor Ort sind und kann sich jederzeit mit uns austauschen. Auch die Kindergärten sind mit einer eigenen Multiplikatorin ausgestattet. Gerade in einer grossen Gemeinde wie Binningen erscheint mir das enorm wichtig.
Welchen Mehrwert generiert PICTS?
Das Thema MI ist bei der Mehrheit der Lehrpersonen stärker in den Fokus gerückt. Dank unseres PICTS-Pensums haben wir Planungssicherheit. Die Arbeit der PICTS-Leitung und der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wird stärker wahrgenommen. Es ist nicht mehr ein kleines «Ämtchen» wie früher, sondern eine Abteilung, die öffentlichkeitswirksam arbeiten darf. Schon im Kindergarten sind Beebots oder die MIA-Box zum Aufbau der Medien-, Informatik- und Anwendungskompetenzen (MIA) im Einsatz. In vier 5. und 6. Klassen läuft ein 1:1-Pilotprojekt mit iPads, welches im Sommer auf alle Klassen dieser Stufen ausgeweitet wird.
Ich habe das Gefühl, wir werden zeitgemässer, ohne eine Einbusse im Unterricht von anderen Fächern in Kauf nehmen zu müssen. Lehrpersonen interessieren sich für MI-Weiterbildungsmodule. Und nicht zuletzt profitieren die Kinder von motivierten und ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern, die ihnen das Fach vermitteln.
Für mich selbst besteht der Mehrwert ausserdem in der Möglichkeit, neben der Arbeit als Klassenlehrperson und Schulhauskoordinator in einem Gebiet mitzuarbeiten und mitzugestalten, das mich seit der Kindheit interessiert und mich seit meinem ersten Atari 1040STF stark geprägt hat. Der CAS PICTS, die Zusammenarbeit mit verschiedensten Personen auf unterschiedlichen Ebenen, die Vernetzung mit anderen Stufen und Gemeinden und mit dem Kanton sowie das Entwickeln von Szenarien oder Unterrichtseinheiten liegt mir und macht mir grossen Spass. Im kleinen Kreis in Binningen sind wir ein tolles Team, mit dem ich gerne zusammenarbeite.
Welche Vorteile ergeben sich für die Zukunft?
Der Kanton hat gerade das Programm «Zukunft Volksschule» lanciert. Umgemünzt auf die teilautonomen Primarstufen der Gemeinden bedeutet das für mich: der Auftrag, die MIA der einzelnen Lehrpersonen und der Kinder zu stärken, ist geklärt. Das heisst, am Ball bleiben. Je tiefer und häufiger sich ein Kollegium mithilfe der PICTS weiterbildet, desto besser kann sich eine entsprechende Kultur in den Schulhäusern entwickeln.
Die Laufbahn der Kinder wird je länger, je stärker auch von der digitalen Umwelt geprägt. In der Schule können wir einen sinnvollen Aufbau der MIA fördern und sie kritisch, unterhaltsam und inhaltlich vielseitig auf diesen Teil ihrer Zukunft vorbereiten. Wie bei allen Fächern sprechen die Kinder besser auf die Lerninhalte an, wenn sie spüren, dass die vermittelnde Person Freude daran hat und selbst Spezialistin oder Spezialist in ihrem Gebiet ist.
Gab es für Sie besondere Highlights?
Ein persönliches Highlight war eine schulinterne Weiterbildung mit Unterstützung von ICT Primarschulen für alle Lehrpersonen der Primarstufe Binningen im letzten Herbst. Ich glaube, wir konnten die allermeisten der Teilnehmenden mit unserem vielfältigen Angebot aktivieren. Daraus entstanden ist auch eine Schabi-Seite (Schule am Bildschirm, Anmerkung der Redaktion) mit einem Fundus an Apps, Tools, Webseiten und weiteren digitalen Angeboten für den schulischen Kontext.
Dann natürlich mein Team! Die Sitzungen, das Brainstorming, die Planung und Umsetzung mit der Schulleitung, den Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und dem technischen Support: bei aller Digitalisierung ist mir der persönliche Kontakt das Wichtigste.
Und nicht zu vergessen die Kinder, die in erster Linie von MI profitieren sollen. Es ist wunderbar anzusehen, wie sie sich mit den Lerninhalten rasch anfreunden, welche Resultate sie in kürzester Zeit beim Programmieren erreichen, wie kritisch sie einen Influencer interviewen - oder wie sie fast schon eine Beziehung zu den Ozobots (Lernhilfe fürs Programmieren, Anmerkung der Redaktion) aufbauen und ihnen Namen geben, wie sie ihr Medientagebuch reflektieren. Das ist der eigentliche Motor meiner Funktion als PICTS.
Welche Erfolge konnten Sie feiern?
Bei Lehrpersonen sind kritisches Denken und Reflektieren an der Tagesordnung. Gerade im MI-Bereich braucht es von unserer Seite Geduld und Konstanz, um der immer digitaler geprägten Welt bereits im Klassenzimmer zu begegnen. Dies können wir dank dem von der Schulleitung festgelegten Jahresschwerpunkt breit und mit den nötigen Ressourcen vermitteln. Die von den PICTS organisierten schulinternen Weiterbildungen zielen darauf, die Lehrpersonen in ihrer ganzen Heterogenität zu motivieren, sie in pädagogisch wertvollen Tools zu schulen und ihnen unsere Hauptanwendungen im Schul-, Klassen- und Kommunikationsmanagement näher zu bringen. Dies scheint, gemessen an den Rückmeldungen, bei einer Mehrheit gelungen.
Auch die Pilotklassen mit der iPad 1:1-Ausrüstung begleiten wir und konnten wertvolle Inputs von den Kindern und den Lehrpersonen für die spätere, endgültige Umsetzung in allen 3. bis 6. Klassen erhalten. Das alles zeigt, dass unsere Arbeit Früchte trägt.
Wo gibt es Herausforderungen und Stolpersteine?
Zuerst mussten die Funktionen des Schulrats, der Schulleitung und der PICTS-Mitarbeitenden genau definiert werden. Dazu haben wir die Vorgaben des Kantons analysiert und in die Planungs- und Arbeitspapiere aufgenommen. Es entstand das ICT-Konzept und ab Sommer 2022, als ich meine Arbeit als PICTS aufnahm, ein Pflichtenheft, Nutzungsvereinbarungen und weitere Dokumente. Das Verfassen dieser Dokumente stellte uns vor verschiedene Herausforderungen. Da vom Schulrat, über die Schulleitung und uns PICTS, den Klassenlehrpersonen bis zur Schülerin teilweise viele Player involviert sind, bis die Papiere gegengelesen, korrigiert und wieder vorgelegt werden, vergeht viel Zeit. Berechtigterweise stellen der Schulrat zum Konzept, die Schulleitung zum Pflichtenheft oder Erziehungsberechtigte zur 1:1-Nutzungsvereinbarung kritische Fragen, welche dann im Team besprochen und gegebenenfalls in die Dokumente aufgenommen werden.
Auch die Suche nach geeignetem PICTS-Personal für jedes Schulhaus und für die Kindergärten musste gut aufgegleist werden. Diese sogenannten Multiplikatorinnen und Multiplikatoren haben ihre Arbeit mittlerweile aufgenommen und sind an ihrem Standort verantwortlich. Dass heute die Aufgaben sowie Kommunikationsform und -kanäle für alle klar sind, bedurfte viel Planungsarbeit. Die Rollen klar verteilt. Was nicht heisst, dass nicht doch ab und zu wieder Grauzonen oder Schnittstellen auftauchen, die erneut geklärt werden müssen. PICTS und der technische ITC-Support (TICTS) sind mittlerweile auf Leitungsebene gut voneinander getrennt.
Als PICTS möchte ich gerne dem Team mit Inputs, den Kindern mit Lektionen, dem Schulrat mit meinem Fachwissen, der Schulleitung bei der gesamten Umsetzung oder im PICTS-Team durch möglichst gute Zusammenarbeit gleichermassen zur Seite stehen. Hier niemanden zu vergessen, zu clustern und Prioritäten zu setzen ist nicht immer einfach – auch bei einem grosszügigen Pensum, wie wir es hier in Binningen haben.
Thomas Guéniat, Co-Leiter PICTS-Lehrpersonen, Primarschule Binningen
Foto: zVg.