«Kinder und Jugendliche sollen die Bibliothek neu entdecken»
Sprach- und Lesekompetenzen sind für die individuelle Lebensgestaltung unabdingbar. Zu deren Förderung sollen Schulen und Bibliotheken unter Federführung der Kantonsbibliothek Baselland (KBL) enger zusammenarbeiten. Geleitet wird das entsprechende Projekt «Spiralcurriculum» von Susann Täschler.
Susann Täschler, was ist das Spiralcurriculum und wozu dient es?
Das Spiralcurriculum - in der Praxis reden wir vom «Bibliotheksfahrplan» - ist ein im Rahmen von «Zukunft Volksschule» beschlossenes Programm der KBL für die 19 Baselbieter Gemeinde- und Schulbibliotheken des Kantons. Es ist am Lehrplan 21 ausgerichtet und hat zum Ziel, einerseits die Zusammenarbeit zwischen den Schulen und den öffentlichen Bibliotheken zu stärken und andererseits die Lesekompetenzen der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Für jede Klassenstufe gibt es ein spezifisches Angebot aus spielerischen Aufgaben und Gruppenaufträgen, die in der Bibliothek durchgeführt werden.
Mit welchen Stellen arbeiten Sie zusammen?
Damit der Bibliotheksfahrplan zum Fliegen kommt, sind das gemeinsame Interesse und Engagement von Gemeinden, Schulen und Bibliotheken notwendig. Alle Beteiligten müssen die Leseförderung im Blick haben und im regelmässigen Austausch ihre Aktivitäten koordinieren. Unsere ersten und wichtigsten Ansprechpersonen sind aber die Mitarbeitenden der öffentlichen Bibliotheken im Kanton. Mit ihnen klären wir, ob und wie eine Gemeindebibliothek bereits mit der Schule im Ort zusammenarbeitet. Für die ernsthaft am Bibliotheksfahrplan Interessierten (und das sind viele) bieten wir von der Kantonsbibliothek Unterstützung, Workshops und Austausch an.
Wenn Schulleitungen den Bibliotheksfahrplan umsetzen wollen, müssen als Erstes die Möglichkeiten der örtlichen Bibliothek geklärt werden. In der Regel kommt zu diesem Zeitpunkt auch die Gemeinde ins Spiel - manchmal auch Bibliotheksverein oder -kommission -, die über die Rahmenbedingungen wie Öffnungszeiten oder Arbeitspensen des Bibliothekspersonals entscheidet. Die konkreten Angebote werden von den Bibliotheken gemeinsam mit den Lehrpersonen vor Ort entwickelt.
Welche neuen Aufgaben bringt das für die öffentlichen Bibliotheken mit sich?
Bibliotheken befinden sich seit einiger Zeit in einer Transformation. Sie wandeln sich von der reinen Medienausleihe hin zu einem Treffpunkt und Aufenthaltsort für Austausch und Weiterbildung. Zum neuen Aufgabengebiet von Bibliotheken gehört auch die Vermittlungsarbeit im Bereich der Medien- und Informationskompetenzen. Neben Formaten, die sich an junge und ältere Erwachsene richten, werden auch Schulen in ihrem Auftrag zum Umgang mit Informationen und neuen Medien unterstützt. Als Leseexpertinnen und -experten sind Bibliotheksmitarbeitende dafür natürlich besonders geeignet.
Wie können auch Schulen profitieren, denen keine Gemeinde- und Schulbibliothek zur Verfügung steht?
Grundsätzlich sollen auch Kinder und Jugendliche, die nicht in der Nähe einer Gemeindebibliothek wohnen, von der ausserschulischen Leseförderung profitieren können. Es gibt hierzu verschiedene Ideen. Einerseits werden derzeit an vielen Schulstandorten Leseförderbeauftragte zur Koordination verschiedener Angebote eingesetzt, anderseits könnten auch die Bibliotheken in den Schulhäusern aufbauende Programme anbieten. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Bibliotheken in grösseren Gemeinden auch umliegende kleinere Schulgemeinden mit dem Bibliotheksfahrplan bedienen. Dies sind drei mögliche Ansätze, die wir derzeit mit verschiedenen Stellen prüfen.
Was ist die Rolle der KBL?
Die KBL ist kantonale Leitbibliothek und berät und unterstützt Dritte – insbesondere Schulen und Gemeinden. So steht es im Kulturförderungsgesetz. Im Sinne dieses Auftrags entwickelt die KBL das Spiralcurriculum als systematisches und aufbauendes Instrument für die ausserschulische Leseförderung und stellt dieses den Baselbieter Bibliotheken zur Verfügung. Dazu unterstützt und berät die KBL alle Beteiligten bei der Vermittlung der Zielsetzung und begleitet den Umsetzungsprozess in Schulen und Gemeinden. Gemeinsam erarbeiten wir derzeit neue Konzepte für Klassenführungen, die sich noch besser an den Bedürfnissen der Schule ausrichten und noch stärker am Lehrplan 21 orientieren. Mit der Fachstelle Schulbibliotheken der KBL werden Ideen zu spezifischen Schulbibliotheksangeboten, Weiterbildungskursen für Bibliotheksmitarbeitende und Lesungen von Autorinnen und Autiren für die Schulen verhandelt.
Der Bibliotheksfahrplan ist ein gutes Beispiel für eine «Win-Win-Situation». Die KBL unterstützt mit einem Zentrumsangebot und investiert in diesen Initialaufwand. Profitieren sollen alle im Kanton: Schülerinnen und Schüler, Schulen, Gemeinden und Bibliotheken - für letztere die Gelegenheit, eine nachhaltige Bildungspartnerschaft mit den örtlichen Schulen zu etablieren.
Was ist für die Zukunft geplant?
Nun geht es darum, die Angebote im Alltag zu erproben. In den ersten Gemeinden starten die regelmässigen Bibliotheksbesuche ab August 2023. Einige Gemeindebibliotheken starten mit der Entwicklung des Bibliotheksfahrplans im kommenden Schuljahr, in einer dritten Gruppe finden die ersten Verhandlungen zwischen Gemeindebibliothek, Schul- und Gemeindebehörde statt. Zusammen mit dem Amt für Volksschulen hoffen wir, dass die Bibliotheken Spass an dieser neuen Aufgabe haben werden und möglichst viele Gemeinden vom Nutzen des Bibliotheksfahrplans überzeugt werden können. Und toll wäre es, wenn viele Kinder und Jugendliche die Bibliothek neu entdecken, die Schulen vom Angebot profitieren und in ein paar Jahren jedes Baselbieter Kind mindestens einmal im Jahr eine Bibliothek besucht und ein qualitativ hochstehendes Angebot erhält.
Herzlichen Dank für diesen Einblick und weiterhin viel Erfolg!
Foto: Timea Lütte