«Bei unserer Arbeit braucht es Geduld, Geduld, Geduld…»

Thomas Blatter, Sie haben 24 Jahre beim Schulpsychologischen Dienst (SPD) im Kanton Basel-Landschaft gearbeitet, davon die vergangenen acht Jahre als dessen Leiter. Seit Mai 2024 sind Sie nun pensioniert. Welche Ereignisse in dieser langen Zeit haben Sie beruflich am meisten geprägt?
Ganz klar die Konzeptionierung, Einführung und Umsetzung der integrativen Sonderschulung. Ich kann mich noch sehr gut an die erste Integrationsklasse zu Beginn der 2000er-Jahre erinnern und den Weg, den wir bis dahin zurückgelegt haben. Nie vergessen werde ich eine Szene mit dem damaligen Bildungsdirektor Urs Wüthrich: Bei einem Schulbesuch beobachteten wir, wie ein Mädchen mit Trisomie 21 einen weinenden Klassenkameraden an die Hand nahm, mit ins Schulzimmer führte und ihm half, seine Angst zu überwinden. Das hat uns alle tief berührt und zeigt im Kleinen, das soziale Kompetenz unterschiedlich verteilt und keine Frage der schulischen Leistungsfähigkeit ist.

Kommt Ihnen rückblickend etwas in den Sinn, dass Sie heute anders angehen würden?
Inklusion bzw. die inklusive Gesellschaft ist für mich ein zentrales Thema. Ich würde diesem Ansatz noch mehr Raum geben und mehr in die Waagschale werfen. Auch stelle ich heute einige Dinge kritisch zur Diskussion. Zum Beispiel inwiefern das Schulsystem nicht Rücksicht auf die individuelle Altersentwicklung der Kinder nehmen müsste, und ob das Konzept der Speziellen Förderung wirklich die beste Antwort darauf ist. Wir wissen heute, dass zum Beispiel ein Kind im Alter von 7 Jahren bei den Fähigkeiten Entwicklungsvarianzen von einem 5-jährigen bis zu einem 9-jährigen Kind haben kann. Die Klasseneinteilung rein nach Alter kann also zu einer Über- wie Unterförderung führen. Gleiches beim Thema Notengebung – braucht es wirklich eine Benotung in der Primarstufe? Liesse sich die Einteilung in Leistungszüge nicht weiter nach hinten schieben? Das sind spannende, wenn zugegebenermassen weitreichende, Fragestellungen der heutigen Zeit.

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit beim SPD am meisten erfüllt und was waren die grössten Herausforderungen?
Dabei denke ich an die Covid-19-Pandemie, die beide Seiten einer Krise – Gefahr wie Chance – gezeigt hat. Natürlich haben wir im SPD gespürt, wie viele Ängste und Sorgen die Pandemie bei den Kindern und Jugendlichen ausgelöst hat, und wie weitreichend ihr Leben in dieser Phase verändert und beeinflusst wurde. Hervorheben möchte ich aber auch das Innovations- und Entwicklungspotenzial, das diese Krise mit sich gebracht hat. Wie schnell zum Beispiel die Lehrpersonen auf die Situation reagiert haben und neue, andere Lernformen umgesetzt wurden, ist für mich beispielhaft! Das hat vielen Schülerinnen und Schülern einen ganz anderen Zugang zu Lerninhalten ermöglicht. Auch durfte ich während der Pandemie erleben, wie sich plötzlich der Fokus auf die Gemeinschaft richtete und es nicht mehr nur um das eigene Wohlbefinden ging, sondern mit sehr viel Sorgfalt und Solidarität überlegt wurde, was andere brauchen.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?
Mir kommt ein Thema in den Sinn, dass sich vor allem in seiner Dimension verändert hat: Social Media. Als ich zu Beginn meiner Berufslaufbahn als Kleinklassenlehrer tätig war, musste ich mich dem Phänomen der «Tamagotchi» auseinandersetzen: Ein kleines eiförmiges Elektrospielzeug, eine Art virtuelles Tier, dessen Besitzerin oder Besitzer sich immer wieder um das Tier kümmern musste. Auch während des Unterrichts meldeten die Tamagotchis ihre Bedürfnisse an. Ich habe das unterbunden und wurde eines Tages von einer Schülerin konfrontiert, ich hätte ihr Tamagotchi getötet. Heute erleben wir die Absorbierung und den sozialen Druck, den die sozialen Medien bei Kindern und Jugendlichen auslösen, in einer noch viel stärkeren Dimension. Ich möchte nicht die Chancen und Errungenschaften ausblenden, die soziale Medien beispielsweise im Hinblick auf die gesellschaftliche Vernetzung und auch den Zugang zu Informationen geleistet haben und leisten. Aber ich sehe auch, dass viele Kinder und Jugendliche leiden und überfordert sind. Wir tun gut daran, wenn wir in den Schulen starke Antworten und Haltungen auf die Herausforderungen von Social Media haben. Aber auch die Erziehungsberechtigten sind hier gefordert.

Haben Sie denn aus Ihrer Berufserfahrung heraus einige Tipps für Erziehungsberechtigte?
Mein Ansatz ist, dass sich Eltern und ihre Kinder die Welt gemeinsam anschauen und darüber reden. Und das gilt genauso für die digitale Welt. Zeigen Sie Interesse an den Games oder Fernsehserien Ihrer Kinder. Spielen Sie ruhig einmal mit, lassen Sie sich darauf ein. Gleichzeitig braucht es eine klare Haltung, welche Games zum Beispiel altersbedingt in Ordnung sind und welche nicht. Wieviel Zeit vor dem Fernseher oder der Konsole verbracht wird und wann bildschirmfreie Zeit ist. Kinder dürfen von ihren Eltern durchaus frustriert werden mit Dingen, die nicht erlaubt sind oder bei denen klare Regeln herrschen.

Der SPD wird seit Mai 2024 von Tanja Garau und Adrian Baumann gemeinsam verantwortet. Mit beiden haben Sie bereits viele Jahre zusammengearbeitet. Was haben Sie Ihrem Nachfolge-Duo mit auf den Weg gegeben?
Bei unserer Arbeit braucht es Geduld, Geduld, Geduld und den Willen dranzubleiben, zuzuhören und eine klare Haltung zu zeigen. Es ist eine Stärke des SPD den Fokus auf Beziehungen setzen zu können, denn der Mensch ist ein Beziehungswesen.

 

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Foto: zVg Thomas Blatter