Die Restaurierung der Kastellmauer von Kaiseraugst
Ein Fall für Spezialisten
Das Castrum Rauracense in Kaiseraugst gehört zu den wichtigsten heute noch sichtbaren Baudenkmälern der Römerstadt. Doch der Zustand des Bauwerks ist schadhaft. Daher wird das bedeutende Monument von der Kantonsarchäologie Aargau in Zusammenarbeit mit Augusta Raurica restauriert und für die Zukunft erhalten.
Das mächtige Kastell Castrum Rauracense wurde um 300 n. Chr. errichtet. Es diente vor allem dem Schutz des Rheinübergangs und als wichtige Verteidigungsanlage des Römischen Reiches gegen Überfälle aus dem Norden. Das Bauwerk bestand aus acht bis zehn Meter hohen und bis zu vier Meter dicken, tief fundamentierten Mauern und war in regelmässigen Abständen mit Türmen bewehrt.
Im Castrum Rauracense wurde auch der berühmte Silberschatz von Augusta Raurica gefunden: 58 kg reines Silber, verarbeitet zu 270 Objekten wie Platten, Löffel, Münzen und sogar einem zusammenschiebbaren Kerzenständer. Dieser Silberschatz ist einer der wertvollsten und wichtigsten Schatzfunde der Spätantike. Er war in Zeiten grosser Gefahr im Innern des Kastells in einer Holzkiste direkt an der Kastellmauer vergraben worden. Angesichts innenpolitischer Machtkämpfe und der Bedrohung durch Einfälle germanischer Stämme sollte er vorübergehend im Boden geschützt werden. Allerdings konnte er von seinen Besitzern aus unbekannten Gründen nie mehr gehoben werden.
In Anbetracht seiner grossen kulturhistorischen Bedeutung steht das Kastell von Kaiseraugst seit 1950 unter dem Schutz der Schweizerischen Eidgenossenschaft, und seit 1963 unter kantonalem Schutz. Doch an den Überresten des Bauwerks nagt der Zahn der Zeit.
Die richtige Materialwahl: Eine immerwährende Herausforderung
Die erste umfassende Restaurierung der Kastellmauer fand in den 1950er-Jahren statt. Diese Arbeiten zielten darauf ab, die Stabilität der antiken Mauer sicher zu stellen und die Überreste des Castrum Rauracense so für die Nachwelt zu bewahren. Die Restaurierungen aus dieser Zeit hatten zwar eine wichtige Schutzfunktion, die damalige Materialwahl war aber nach heutigem Kenntnisstand problematisch und hat zu zusätzlichen Schäden am Original geführt. Die Umstände zeigen, wie moderne, schlecht adaptierte Baustoffe langfristig negative Auswirkungen auf historische Strukturen haben können.
Vor allem der zur Restaurierung verwendete Zement erwies sich im Nachhinein als wenig geeignet. Als moderner Baustoff war er zwar langlebig, doch im Vergleich zum ursprünglich verwendeten Kalkmörtel zu wenig atmungsaktiv und zu hart. Dadurch kam es mit der Zeit zu Spannungsrissen an den Mauerabdeckungen und in der kalten Jahreszeit zu Frostsprengungen am Steinmaterial. Ausserdem lagerten sich aus dem Zement ausgewaschene Salze in den antiken Mörteln ein und führten beim Ausblühen zu weiteren Schäden.
Heute setzen die Restauratoren auf traditionelle Materialien wie Kalkmörtel, um Mauern im Einklang mit den ursprünglichen Bauweisen zu stabilisieren und die Baudenkmäler dadurch nachhaltig zu sichern.
Die aktuelle Restaurierung: Vorgehensweise und Ablauf
Im Frühling 2024 begann die umfassende Neurestaurierung der Kastellmauer. Zu Beginn wurde von der westlichen Kastellmauer die sogenannte Biopatina – eine Schicht aus Schmutz, Erde und niederen Pflanzen – mithilfe von Wasserdampf entfernt. Danach wurden die schadhaften Überkronungen der Restaurierungsarbeiten aus den 1950er-Jahren abgebaut und das dadurch freigelegte originale römische Mauerwerk zeichnerisch und fotografisch dokumentiert.
Zusätzlich wurden aus dem originalen Mauerwerk mehrere Mörtelproben entnommen und bezüglich ihrer Zusammensetzung und ihrer materialtechnischen Eigenschaften von Spezialisten der Universität Basel untersucht.
Die Analysen sollen Aufschluss über die verwendeten Rohstoffe sowie die spezifischen Arbeitsabläufe geben, die zur Errichtung dieses imposanten Bauwerks nötig waren. Die unterschiedlich zusammengesetzten Mörtel scheinen zudem Hinweise auf antike Reparatur- und Umbaumassnahmen am Kastell zu geben. Abschliessend wurden neue Mauerüberkronungen aus Naturstein und Kalkmörtel angebracht.
Seit Mitte April 2025 ist das Team der Monumentenrestaurierung mit den Mauern auf der Südseite des Castrum Rauracense, am sogenannten Heidemurweg beschäftigt. Es handelt sich um die imposantesten Abschnitte, wo das Mauerwerk noch bis zu 4,50 m hoch erhalten ist. In der beschriebenen Art und Weise werden die Überreste des Kastells Kaiseraugst in den kommenden Jahren Stück für Stück konserviert und bleiben so auch für künftige Generationen erlebbar.
Text: Barbara Pfäffli und Thomas Hufschmid, Römerstadt Augusta Raurica
Zustand der südlichen Kastellmauer zum Heidemurweg hin, kurz vor Beginn der umfangreichen Restaurierungsarbeiten im Jahre 1951.
Die westliche Kastellmauer nach partieller Reinigung mit Heissdampf. Links ein Mauerabschnitt mit noch anhaftender schwarzer Biopatina, rechts ein bereits gereinigter Abschnitt, bei dem das Steinmaterial und die Verfugung wieder klar erkennbar sind.
Typisches Schadensbild an der Aussenhaut der westlichen Kastellmauer. Durch Wassereintrag und Frost ist der antike Kalkmörtel stellenweise fast vollständig aufgelöst.