Ein Musical lässt Jugendliche über sich hinauswachsen
Lernen mit allen Sinnen
Ein Schulprojekt, das Massstäbe setzt: Am Gymnasium Muttenz entsteht mit Wicked nicht nur ein Musical, sondern ein Lernraum der besonderen Art. Sprache, Kunst, Gemeinschaft und Persönlichkeitsentwicklung verschmelzen in einem intensiven, kreativen Prozess – und lassen Jugendliche erleben, was Bildung im besten Sinne sein kann.
«I feel wicked», haucht Elphaba, kurz bevor sie ihren Geliebten Fiyero zum ersten Mal küsst. Bis zu dieser Szene auf der Bühne des Kulturzentrums Roxy in Birsfelden vergingen unzählige Stunden intensiver Arbeit – auf und hinter der Bühne. Für das Musical 2025 fiel die Wahl auf das Broadway-Stück Wicked, das seit 2003 ununterbrochen in New York aufgeführt wird. Kurz nach dem Start des Musicalkurses lief die gleichnamige Hollywoodverfilmung weltweit in den Kinos an und sorgte für grosses Aufsehen.
Seit mehreren Jahren bietet das Gymnasium Muttenz einen Musicalkurs an, der sich durch seinen immersiven Charakter auszeichnet und jedes Jahr aufs Neue ambitionierte Schülerproduktionen hervorbringt. Das Ziel: ein Musical möglichst originalgetreu auf die Bühne zu bringen. Aufwand und Engagement sprengen in diesem Kurs regelmässig die im Stundenplan vorgesehenen Grenzen. Der Anspruch ist hoch, und das ist auch so gewollt.
Der Kurs wird überwiegend auf Englisch geführt. Die Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur ihre anspruchsvollen Rollen und Gesangsnummern, sondern müssen auch in der Fremdsprache proben und kommunizieren. So wird Englisch vom Schulfach zum gelebten Ausdrucksmittel – ganz ohne Vokabeltests und Grammatikpauken. Der Lerneffekt: unmittelbar und praxisnah.
Wicked mag auf den ersten Blick mit Klischees spielen – zwei ungleiche Freundinnen, Liebeswirren, grosse Gefühle. Doch unter der Oberfläche erzählt das Stück eine tiefgründige Geschichte über das Aussenseitersein, Moral, Macht und gesellschaftliche Zuschreibungen. Es basiert auf dem Kinderbuch The Wizard of Oz von L. Frank Baums, einem der bedeutendsten Märchen der US-amerikanischen Kulturgeschichte, das von Gregory Maguire 1993 in einem komplexen Roman neu interpretiert wurde. Unter der Leitung von Komponist Stephen Schwartz wurde die Geschichte für den Broadway vereinfacht – besticht jedoch vor allem durch seine musikalische Qualität. Gerade die Kompositionen zählen zu den stärksten Ausdrucksmitteln des Stücks.
«I feel wicked» wird zur zentralen Frage: Was bedeutet es, böse zu sein? Warum treffen Menschen destruktive Entscheidungen? Wie viel davon ist Zuschreibung – und wie viel persönliche Entwicklung? Der Musicalkurs am Gymnasium Muttenz bietet Jugendlichen Raum, solchen Fragen künstlerisch nachzuspüren – und dabei über sich hinauszuwachsen. Sie lernen, ihre Rollen zu reflektieren, Kontexte zu verstehen und ihre Stimme, Bewegung und Emotion auf der Bühne einzusetzen. Musiktheater, als Verbindung von Musik und Schauspiel, wird zu einem intensiven und kreativen Erlebnis.
Die Nachfrage nach dem anspruchsvollen und zeitintensiven Kurs ist gross, das Wahlkurs-System stösst bei der Zuteilung regelmässig an organisatorische Grenzen. Der Musicalkurs nimmt im Kursangebot eine Sonderstellung ein – nicht nur wegen seines Umfangs, sondern auch wegen seiner nachhaltigen Wirkung: Zahlreiche Ehemalige sind dem Projekt als treues Publikum eng verbunden und unterstützen neue Produktionen tatkräftig.
Was bleibt, ist ein starkes pädagogisches Statement: Musiktheater, das Jugendliche ganzheitlich fordert und fördert – emotional, sprachlich, sozial und künstlerisch. Ein Privileg, das am Gymnasium Muttenz mit Leidenschaft gepflegt wird.
Text: Franziska Baumgartner, Karolina Kowalska und Jürg Siegrist, Gymnasium Muttenz
Fotos: Daniel Nussbaumer