Eltern im Leistungssport
«Eltern im Leistungssport stehen oft alleine da»
Welche Rolle nehmen Eltern im Umfeld des Leistungssports ihrer Kinder ein und wie werden sie unterstützt? Basil Gygax ist Leiter des Fachbereichs Leistungssport im Sportamt Baselland und verantwortlich für die Organisation der Netzwerktagung «Eltern im Leistungssport» vom 16. September 2023 in Liestal.
Mit dem Begriff «Eltern im Leistungssport» werden oft zuerst negative Bilder assoziiert – an was liegt das?
Basil Gygax: Negative Bilder bleiben meist besser haften. Ich verstehe ein Stück weit, dass zunächst ein Bild eines überehrgeizigen Vaters oder einer stark fordernden Mutter auftaucht. Dieser erste Eindruck ist jedoch nachweislich falsch.
Sprechen wir denn weitgehend von Vorurteilen?
Das verbreitete Vorurteil ist, dass Eltern mit übertriebenem Ehrgeiz ihre eigenen verpassten sportlichen Ziele auf ihre Kinder projizieren. Das ist keinesfalls die Regel, auch wenn es in Einzelfällen nicht auszuschliessen ist. Ich nehme die meisten Eltern als sehr engagiert und pflichtbewusst wahr. Sie kennen ihre Rolle, leben diese sehr professionell und legen so die Basis für die Ausübung des Sports ihrer Kinder auf diesem Niveau.
Drehen wir also den Spiess um – welche positiven Einflüsse können Eltern auf eine Leistungssportkarriere ihrer Kinder nehmen?
Wir müssen unterscheiden zwischen Breiten- und Leistungssport. Dass Eltern ihre Kinder unterstützen und motivieren und ihnen helfen, Erfolge und Misserfolge einzuordnen, das gilt wohl für alle. Im Leistungssport kommen viele spezifische Komponenten hinzu: der Zeitaufwand für die Organisation und Fahrten ist markant höher, der finanzielle Aufwand nimmt je nach Sportart massiv zu, Faktoren wie Ernährung, mentale Stärke, Lebensweise usw. kommen hinzu. Eine Sportkarriere ohne die Eltern ist auf dieser Stufe kaum möglich, die gesamte Familien-, Ferien- und Freizeitplanung richtet sich nach der sportlichen Agenda des Kindes im Leistungssport, was extrem anspruchsvoll ist.
Der grosse Einsatz der Familie wird von vielen späteren Spitzensportlerinnen und -sportlern gewürdigt. Wie ist das einzuschätzen?
Die Rolle der Eltern hat in den vergangenen Jahren noch einmal an Komplexität zugenommen. Es gibt hohe Erwartungen von Seiten der Trainerinnen und Trainer, der Lehrpersonen oder auch der Kinder selbst. Diese Rolle verändert sich stetig. Je näher ein Kind im Leistungssport an den Spitzensport heranrückt, desto grösser werden auch die finanziellen Herausforderungen. Das alles ist oft nur schwer leistbar. Man kann nicht genug Respekt davor haben.
Social Media, Doping, Ethik, Leistungsdenken, Ernährung, Erwartungshaltungen, psychische Stärke, Finanzierung, frauenspezifische Themen – es wirken viele Einflüsse auf junge Sportlerinnen und Sportler ein. Wie bringt eine junge Person dies alles unter einen Hut?
Es gilt ja nicht nur die Herausforderungen im Sport zu meistern, sondern auch jene in der parallel laufenden Ausbildung. Nicht alle Einflüsse wirken gleich stark ein – das hängt von der Sportart, vom Umfeld und der Persönlichkeit ab. Es muss gelingen, Prioritäten zu setzen und ein Paket zu schnüren, das den maximalen Erfolg in der individuellen Situation ermöglicht. Am Ende entscheiden wenige Dinge darüber, ob eine Spitzensportkarriere zustande kommt oder nicht. Die Sportlerinnen und Sportler müssen bei beschränkten zeitlichen Ressourcen auch selbst spüren, was funktioniert und wo Unterstützung nötig ist.
Dabei spricht man ja in der Begrifflichkeit der Generation Z davon, dass Junge weniger leistungsbereit seien als früher. Eine Fehleinschätzung?
Anhand von einigen wenigen Leistungssportlerinnen und -sportlern auf eine ganze Generation Jugendlicher zu schliessen, ist wohl nicht sehr sinnvoll. Jede Generation ist grundsätzlich anders geprägt. Sicherlich ist der hohe Social-Media-Konsum ein aktuelles Merkmal, das Einfluss ausübt. Aber wie in jeder Generation gibt es auch viele positive Aspekte, die erkannt und genutzt werden können.
Am 16. September findet im Gymnasium Liestal die Netzwerktagung «Eltern im Leistungssport» statt – was erhofft sich die Leistungssportförderung Baselland von einem solchen Anlass?
In erster Linie geht es darum, den Eltern unsere Wertschätzung für ihre wichtige Rolle entgegenzubringen. Wir sehen, was diese bedeutet. Doch oft stehen Eltern trotz ihrer wichtigen Rolle am Ende der meist einseitigen Informationskette. Ein Austausch auf Augenhöhe findet nur selten statt. Obwohl die Erwartungen stets wachsen, stehen Eltern in vielen Fällen alleine da. Es gibt wenige Angebote zur Unterstützung. Das möchten wir mit diesem Event ändern.
Netzwerktagung zum Thema
Die Netzwerktagung «Eltern im Leistungssport» am 16. September 2023 in Liestal spricht primär die Erziehungsberechtigten der rund 200 Sportlerinnen und Sportler an, die in der Leistungssportförderung Baselland (LSF BL) erfasst sind. Die Tagung wird von Balz Stückelberger, Präsident der Kommission LSF BL und Yannick Blättler, CEO von Neoviso, mit einem Input zum Thema «Generation Z» eröffnet. Danach folgen in drei Blöcken Referate von Expertinnen und Experten zu neun Themen, aus denen sich die Teilnehmenden drei passende aussuchen können. Abgeschlossen wird die Tagung mit einem Fazit von Soziologe Ueli Mäder und von Thomas Beugger, Leiter des Sportamts Baselland. Der Anlass ist bereits ausgebucht.
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