Weg von Leistungsdruck und Überleistung

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Immer mehr Kinder und Jugendliche werden auf Höchstleistungen getrimmt. Wenn dies nicht ihren Anlagen und Interessen entspricht, kommt es zu Problemen. Judith Guntern, Lehrerin an der Sekundarschule Frenke in Liestal, teilt ihre Gedanken zum Konzept „Überleistung“ von Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm.

Während ich diesen Text verfasse und über Leistungsdruck in unserer Gesellschaft und in unserem Schulsystem nachdenke, lausche ich den Klängen des Spitzengeigers David Garrett und muss schmunzeln. Eben habe ich seine Autobiografie gelesen und so nebenbei auch begriffen, was der Unterschied zu einer Biografie ist. Anders als in einer Bastelei aus Wikipedia-Einträgen und Interviews beschreibt David Garrett darin ehrlich und emotional die Schinderei durch seinen Vater, die ihn zu jenem Wunderkind werden liess, das er auch tatsächlich ist. Ein Talent, das vielleicht niemals so zum Strahlen gekommen wäre ohne stetigen Druck und Überwachung. Diese Ambivalenz, die David Garrett beschreibt, finde ich sehr spannend.

Ja, und da lese ich einen Auszug aus Margrit Stamms Buch „Angepasst, strebsam, unglücklich“, das mich sehr zum Nachdenken bringt. Sie prägt darin den Begriff des „Überleisters“ oder der „Überleisterin“ (siehe Box), um zu erklären, dass einige Kinder und Jugendliche mit übertriebenen, ihnen nicht angepassten Leistungserwartungen gepiesakt werden. Zu hohe Erwartungen, wohl in der Überzeugung, dem eigenen Kinde solle es einmal besser gehen als einem selbst, wobei wir schon bei der Frage wären, was denn dieses „besser“ überhaupt ausmacht…

Welche Auswirkungen es hat, wenn von einem Kind zu viel erwartet wird, erlebe ich in meinem Alltag als Sekundarlehrerin immer wieder. Ich erinnere mich an eine Familie in meiner Umgebung. Beide Eltern wollten auf jeden Fall, dass ihre Kinder in der Schule gut mitkommen, weil sie selber andere Erfahrungen gemacht hatten und vielleicht gelitten hatten. Sie übten schon Buchstaben schreiben auf dem Rücken und vieles mehr. Ich fand das absolut überflüssig. 

In der schulischen Laufbahn kommt der Moment, um den ich meine Kolleginnen und Kollegen an den Primarschulen wirklich nicht beneide: die Übertrittsempfehlung für die Sekundarschule. Welches Niveau darf es denn sein? Auf keinen Fall das Niveau A, Niveau E geht ja noch - aber je nach Hintergrund muss es dann eben unbedingt das Niveau P sein. Manchmal wird auch ein Anwalt beigezogen und der Fall landet vor dem Regierungsrat. Wie geht es Jugendlichen, die nach einem Jahr an der Sekundarschule die Klasse verlassen und in ein „tieferes“ Niveau wechseln müssen? Wenn die Eltern mit allen Mitteln – böse Telefonate, das Anführen von gesundheitlichen Problemen etc. – versuchen, diesen Entscheid noch zu kippen? Genau in der Phase, in der junge Menschen mitten im Selbstfindungsprozess stecken, ist das ein Desaster.

Was habe ich da schon alles erlebt! Jugendliche, die ganz apathisch werden und mich im Schulhaus nicht mehr grüssen. Jugendliche, die mir gestehen, dass sie nie einen Niveauwechsel wollten, dass sie keine Lust auf Schule haben, aber ihr gesamtes Umfeld andere Pläne für sie hat. Jugendliche, die danach so ausflippen, dass sie auch das nächste Schuljahr nicht packen und es nochmals wiederholen müssen – was dann eine Schmach darstellt für die ganze Familie, manchmal noch für die ganze Verwandtschaft, die doch so stolz war. Jugendliche, die ganz in die Krankheit und das Verweigern gleiten, in die Selbstverletzung oder auch Aggressivität.

Ich hatte mal einen Schüler, der mir vorkam wie ein Roboter, zu dem ich nie vordringen konnte. Er erledigte alles gewissenhaft, wechselte sogar ans Gymnasium, und ich war gespannt, wie es weiterging. Er verweigerte als 18-Jähriger die Schule und musste das Gymnasium verlassen. Wie viel schöner ist es doch für einen jungen Menschen, wenn er weiss, dass er geliebt wird, egal, was er schulisch leisten kann, wenn er erforschen darf, was ihm wirklich am Herzen liegt, sei es Akrobatik, Gestalten, Physik, Musik oder alles zusammen.

Als meine Tochter nach einem Zirkusbesuch mit sechs Jahren verkündete, dass sie Akrobatin werde wolle, zuckte ich innerlich zusammen, um sogleich zu festzustellen: Moment mal, was für Erwartungen stecken da in mir? Ich dachte darüber nach und beschloss, alle Berufswünsche willkommen zu heissen. Sie lernte leicht, ging jedoch nicht sonderlich gerne in die Schule. Es gab eine Zeit, wo sie nicht ans Gymnasium wollte, später tat sie es dann trotzdem, Wahlfach Musik, was sicher eine gute Begleitung war. Heute sagt sie, dass sie das Gymnasium nicht mehr wählen würde, sondern einen handfesten Beruf, wo man etwas gestalten kann.

Was können wir alle unternehmen - und damit meine ich unsere ganze Gesellschaft -, um diesen schädlichen Erwartungsdruck wegzunehmen? Ganz einfach: ich fange bei mir selber an. Wenn es Probleme mit Jugendlichen gibt, wenn sie der Kontrolle der Eltern langsam entgleiten (was oft vorkommt in der Sekundarschulzeit), dann lege ich den Eltern vor allem ans Herz, sich selber gut zu schauen, fürsorglich mit sich zu sein, etwas für sich zu unternehmen. Es gibt Elternteile, die ihre ganze Energie für die schulische Entwicklung ihrer Kinder aufwenden und Ergebnisse in ihrem Sinne erwarten. Wenn dann die Pubertätsprobleme akut werden, sind sie verzweifelt.

Also lege ich uns allen ans Herz: Einen oder sogar zwei Gänge runterschalten, innehalten, achtsam im Moment sein. Und wahrscheinlich unsere eigenen Ansprüche überdenken. Nur so können wir den Jugendlichen ein empathisches, verständnisvolles Gegenüber sein und sie dabei unterstützen, Laufbahnentscheidungen zu treffen, die ihnen wirklich gerecht werden. 

Text: Judith Guntern


Überleistung ist eine Form von Hochleistung. Immer mehr Kinder werden auf Hochleistung getrimmt, so dass sie Ergebnisse liefern müssen, die eigentlich über ihren Fähigkeiten liegen. Die Überleisterkultur ist eine Folge der Konkurrenzgesellschaft, die unser Bildungssystem prägt und die auf Schule und Familie übergegriffen hat. Sich dieser Entwicklung zu entziehen ist sowohl für Lehrkräfte als auch für Eltern schwierig geworden. Sie fühlen sich deshalb mächtig unter Druck, Kinder so zu formen, dass sie den schulischen Erwartungen entsprechen. Fast unhinterfragt fügen sich manche Mütter und Väter in die ihnen zugedachte Rolle als Maximierer der kindlichen Entwicklung. 


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Foto: Unsplash Elisa Ventur