«Der Sport hat mir das Leben gerettet»
Peter Kotzurek war in der ehemaligen DDR und in der Schweiz Nationaltrainer im Kunstturnen und verbrachte die letzten 15 Jahre seines Berufslebens in der Sportförderung des Sportamts Baselland. Nun geht er in Pension, aber nicht in den Ruhestand, wie er betont.
Es gibt Leben, die verlaufen linear. Und es gibt Leben wie jenes von Peter Kotzurek, die von Herausforderungen und Wendungen geprägt sind. Auf der Bandbreite von emotionalen Höhenflügen bis zu tiefen Abgründen hat der 65-Jährige so ziemlich alles erlebt. «Ich könnte ein Buch schreiben», sagt er heute, wenige Tage vor seiner Pensionierung beim Sportamt Baselland.
Peter Kotzurek wird 1960 in einer Kleinstadt in Oberschlesien geboren, das nach dem Zweiten Weltkrieg Polen zugeordnet wurde. Der Vater war Teil dieses Krieges, arbeitete danach im pickelharten Steinkohleabbau. Die Erziehung war streng katholisch, das Klima in der Familie und in der Umgebung rau. «In Polen waren wir die Faschistenkinder, nach der Übersiedlung in die DDR 1966 die Polacken.»
Mit 14 Jahren will Kotzurek Jagdflieger werden. Er besteht alle Tests, doch angenommen wird er nicht, weil Teile seiner Familie in der BRD leben. Er wird überzeugter Kommunist, Sekretär bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) – das System gibt ihm den Halt, den er zuhause nur bedingt findet. Im Sport ist er begabt, als guter Akrobat im Kunstturnen schafft er es in Auswahlteams, wird DDR-Meister in der Skiakrobatik und spielt professionell Volleyball. 1976 besteht er an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig, der Kaderschmiede im damaligen DDR-Sport, die Aufnahmeprüfung für ein Sportstudium. Er wird nach Moskau geschickt, um das sowjetische Sportsystem kennenzulernen und das Wissen in Biomechanik zu vertiefen. In diese Phase fällt auch ein Überlebenstraining in Sibirien.
Als Diplomsportlehrer beginnt er an der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) und leitet später das Leistungssportzentrum Kunstturnen im damaligen Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Er doktoriert und wird mit jungen 28 Jahren Nationaltrainer der DDR-Frauen, welche es an die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul schaffen. In seiner Funktion hat er 160 Trainerinnen und Trainer in acht Sportschulen in der gesamten DDR unter sich. «Wir waren Diplomaten im Trainingsanzug und wurden von der SED-Politik so behandelt.»
1989 kommt die Wende – die DDR ist Geschichte. Erste Zweifel am System waren bei Peter Kotzurek schon Jahre zuvor aufgekommen, als die Staatssicherheit seine Kontakte zu einem Isländer minutiös festgehalten hatte. Nun musste er sich neu sortieren. Er hätte Trainer des gesamtdeutschen Nationalteams werden können, «aber ich war zu stolz, um zuzusagen». Stattdessen wurde er Cheftrainer Kunstturnen Frauen am Olympiastützpunkt Köln/Bonn/Leverkusen.
1996 kam er in die Schweiz. Klaus Hübner, damaliger Leiter der Biomechanik Magglingen, hatte ihn für das Nationalteam der Männer angefragt. Und so erlebte Kotzurek die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta, als ein gewisser Donghua Li am Pauschenpferd die Goldmedaille holte. Er baut die regionalen Leistungszentren im Schweizer Kunstturnen mit auf. 2003 stösst er an seine Grenzen. «Ich war überarbeitet und psychisch angeschlagen.» Er verlor seine Stelle und fand später im NKL in Liestal eine neue Herausforderung. «Wir bauten das erfolgreichste Team in der Geschichte auf», erinnert sich Kotzurek. Doch nach und nach wuchsen seine Zweifel an der Ethik im Leistungssport – er suchte ein neues berufliches Umfeld, wurde Lehrer in Oberdorf und fand über ein Mandat an der Fussball-EM 2008 zum Sportamt Baselland. Dort bewarb er sich 2010 auf eine Anzeige und war in den letzten 15 Jahren seines Berufslebens mit seinem enormen Fachwissen eine Stütze.
«Ich bin individuell, bi-polar, bunt, gewöhnungsbedürftig, schnell, aber nicht hektisch», charakterisiert sich Kotzurek selbst. Manchmal überfordere er mit seiner Art sein Umfeld – und ab und an auch sich selbst. «Ich musste lernen, durchzuatmen». Dies kann er ab diesem Herbst vermehrt tun, auch wenn er bei seiner Pensionierung von «Unruhestand» spricht. «Ich bin enorm dankbar. Der Sport hat mir alles gegeben und mein Leben gerettet!»
Text: Daniel Schaub, Sportamt Baselland
Peter Kotzurek (links) im August 1997 vor der WM der Kunstturner in Lausanne mit dem Schweizer Olympiasieger von 1996, Donghua Li.
An der russischen Akademie für Körperkultur und Sport in Moskau studierte Peter Kotzurek (2.v.r.) von 1979 bis 1983 Sportwissenschaft und schloss als Diplomsportlehrer ab.