Amphoren mit Fischsauce - eine wechselvolle Aufbewahrungsgeschichte
Seit 2023 ist die archäologische Sammlung von Augusta Raurica mit über 2 Millionen inventarisierten Funden im neuen Sammlungszentrum untergebracht. Sandra Amman, Archäologin und Leiterin der Sammlung, stellt ihre Lieblingsobjekte und deren abenteuerliche Fundgeschichte vor.
Beim Umzug ins neue Sammlungszentrum wurden über 60'000 Paletten, Kartonagen, Rako-Kisten oder Kleinfundboxen mit beispielsweise über 10'000 Architekturstücken, über 1,5 Millionen Keramikfragmenten und fast 200'000 Funden aus Buntmetall oder Eisen transportiert.
Ein archäologischer Schatz liegt jetzt vereint in einem für künftige Nutzerinnen und Nutzer gut erschlossenem und unter optimalen klimatischen Bedingungen eingerichtetem Depot. Daraus einen einzigen Lieblingsfund auszuwählen, fällt immens schwer!
Meine Wahl fällt dennoch auf eine Gruppe von vordergründig einfach gearbeiteten Tongefässen, die in römischer Zeit tausendfach nach Augst importiert wurden: auf eine Anzahl Amphoren, gross, schwer und zweihenklig, manche befüllt mit exotischem Inhalt. Die Amphoren wurden in den Jahren 1911 bis 1913 in der Insula 39 im sogenannten Amphorenkeller – in einem repräsentativen Stadthaus am Südostrand der Oberstadt in Augusta Raurica – ausgegraben. An die 50 mehrheitlich vollständige Amphoren wurden beim Umbau der Entlastungbögen als nicht mehr brauchbares Leergut und damit als Füllmaterial recycliert. Sie wurden in den Jahren um 70 bis 80 nach Christus importiert und ihr Inhalt im Haushalt verzehrt. Viele der Amphoren aus der Insula 39 waren mit Fischsauce aus Südspanien oder aus dem mittleren Rhonetal in Gallien befüllt, andere wenige waren Weinamphoren, und ein Behälter diente gar als Transportgefäss für Oliven in süssem Weinmost.
Die Einzigartigkeit des Fundensembles wurde früh erkannt und teilweise publiziert. Dennoch durchlebten die Amphoren eine Aufbewahrungsgeschichte, die beinahe so abenteuerlich anmutet wie ihre Transportwege aus den fernen Provinzen bis nach Augst. Seit der Entdeckung vor über 100 Jahren wurden sie mehrfach in teils gemäss heutigem Standard ungeeigneten Depots eingelagert. Zunächst wurden die schweren Behälter kurz nach der Ausgrabung von Augst ins Historische Museum Basel gebracht. Dort wurden sie inventarisiert und bis zur Einrichtung des Römermuseums im Jahr 1957 aufbewahrt. Danach wurden sie in der Ausstellung und im Römerhaus aufgestellt. Wenig später im Jahr 1962 wurde für den neu entdeckten spätrömischen Silberschatz von Kaiseraugst eine separate und zusätzlich gesicherte Schatzkammer eingerichtet. Die Amphoren verloren daraufhin ihren Ausstellungsplatz und wurden in einem schwer zugänglichen Keller unter dem Römerhaus quasi neu vergraben.
Dort wurden sie vor 40 Jahren zufällig wiederentdeckt. Inzwischen waren viele der alten Flickstellen durch suboptimale Lagerung aufgelöst und auseinandergebrochen: Teile der Behälter mussten so neu restauriert werden. Daraufhin fanden sie auf einem Zwischenboden in einer Scheune und in einem eigens eingerichteten Amphorenraum Unterschlupf, allerdings weit abseits vom Museumsbetrieb. Bis zum Umzug ins neue Sammlungszentrum waren sie an dieser Stelle sorgsam aufgereiht. Nun aber wurden die vollständigen und restaurierten Amphoren ins neue Amphorenregal – gerade beim Haupteingang vom Funddepot – quasi als Blickfang inszeniert. Nach über 100 Jahren erhalten die Amphoren damit wieder einen wichtigen und absolut verdient prominenten Platz – und erinnern uns daran, dass wir sie bis auf Weiteres sorgfältig pflegen müssen.
Nur ein kleiner Teil der Sammlung kann in der Ausstellung des Museums und in den Aussenanlagen in Augusta Raurica präsentiert werden. Einen Einblick in die Sammlung bieten die Webseiten www.augusta-raurica.ch oder www.kimweb.ch.
Text: Sandra Ammann, Augusta Raurica