Klimaschule Gelterkinden – ein Einblick
Die Sekundarschule Gelterkinden widmet sich seit über zwei Jahren dem Projekt «Klimaschule». Projektleiterin Gabriela Graf-Kocsis erzählt im Interview, wie die Schule mit einem «Blackout Day» startete, einen Klimarat einführte und wie das Projekt nicht nur das Umweltbewusstsein fördert, sondern auch überfachliche Kompetenzen stärkt.
Seit mehr als zwei Jahren führt die Sekundarschule Gelterkinden am vierjährigen Programm «Klimaschule». Wie kam es dazu?
Meine Motivation, dieses Projekt anzustossen, kam einerseits von der «Fridays for Future»-Bewegung mit ihrem Einsatz für das Klima auf der Strasse. Zusätzlich hat mich eine Studie der University of Bath angetrieben, welche deutlich zum Ausdruck bringt, wie verbreitet Zukunftsängste und psychische Belastungen aufgrund der Klimakrise unter Jugendlichen sind. So habe ich mit der AG Schulentwicklung und der Schulleitung eine Kooperation mit dem externen Partner myblueplanet aufgegleist, welche von der grossen Mehrheit des Kollegiums mitgetragen wird.
Welche Rolle spielt myblueplanet genau? Und wie wichtig sind Spenden für das Projekt?
Der Verein myblueplanet ist für die Umsetzung aller Aktivitäten im Rahmen der «Klimaschule» zentral. Er berät und unterstützt uns mit Bildungsangeboten, die wir bedarfsgerecht an unsere Schule anpassen können. Dazu können wir über myblueplanet vom Erfahrungswissen von zahlreichen anderen Schulen in der Schweiz profitieren. Ohne diese Partnerschaft hätten wir gar nicht die benötigten Kapazitäten.
Über ein Crowdfunding finanzieren wir das Projektmanagement von myblueplanet und können andererseits schuleigene Projekte anstossen. Diese Mittel reichen aber nicht aus, weshalb wir entsprechend unseren jährlichen Schwerpunktthemen zusätzlich akquirieren müssen. Das ist aufwändig und nicht immer einfach.
Gleich nach den Sommerferien versammelte sich am 29. August der Klimarat Gelterkinden. Dieser besteht aus rund 45 Schülerinnen und Schüler. Was ist die Aufgabe dieses Klimarats? Dürfen alle Interessierten daran teilnehmen?
Für den Klimarat können sich Schülerinnen und Schüler melden, welche interessiert sind mehr für den Klima- und Umweltschutz zu machen. Nach der Themenfindung und Gruppenbildung arbeiten sie selbstorganisiert. Die Jugendlichen werden bei ihren konkreten Vorhaben durch Lehrpersonen so begleitet, dass sie ihre Projekte möglichst selbstwirksam umsetzen können. Es freut uns, dass wir immer mehr Schülerinnen und Schüler im Klimarat begrüssen dürfen! Wie ideenreich und engagiert die Jugendlichen sich an die Arbeit machen, um einen Beitrag an eine bessere Zukunft zu leisten, beeindruckt mich sehr.
Können Sie einige Beispiele für Aktivitäten nennen, die im Rahmen des Programms stattgefunden haben? Was ist in Zukunft geplant?
Im ersten Projektjahr starteten wir mit einem geplanten «Blackout Day» – also einem Schultag ohne Strom. Während der anschliessenden Klimawoche haben wir das Schulareal umweltgerecht und klimafreundlich umgestaltet. Alle Lehrpersonen und Jugendlichen der 1. und 2. Klassen waren an dieser Umsetzung des Themas Biodiversität mit viel Engagement beteiligt. Im zweiten Projektjahr haben wir das Schwerpunktthema Ernährung bearbeitet. Dabei hat uns auch der Klimarat unterstützt.
Am 18. Oktober fand der «Impact Day Energie» statt. Zukunftsberufe wurden vorgestellt und Schülerinnen und Schüler durften bei der Montage und der Verkabelung der neuen Solarmodule auf dem Dach des Schulhauses mithelfen. Die Schule strebt mit solchen Aktionen das Label «Klimaschule» an.
Was bedeutet dieses Label? Was bedeutet es für die Sekundarschule Gelterkinden?
Als Klimaschule müssen wir den umfassenden und anspruchsvollen Kriterienkatalog von myblueplanet erfüllen. Dieser umfasst Massnahmen auf der institutionellen Ebene, aber auch solche im Unterricht und im Sozialen. Der Katalog lässt uns als Schule aber ausreichend Gestaltungsspielraum, so dass wir uns mit diesem Zertifizierungsprozess gut identifizieren können. Noch stehen einige grössere Projekte an, bis wir bereit sind, den Antrag auf Zertifizierung einzureichen.
Für das Kernteam aus Lehrpersonen und Mitgliedern von Schulleitung und Schulrat sind vor allem die Ergebnisse aus den Projekten an unserer Schule zentral. Das Sichtbarmachen von wirkungsvollen Aktivitäten, das Erleben des gemeinsamen Engagements und die freudvollen Momente von Schülerinnen und Schülern, wenn sie an Gesamtschulanlässen teilnehmen: das sind bewegende Augenblicke!
Aber es ist klar, dass ein solches Label auch das Profil einer Schule stärkt. Wir stellen bereits jetzt fest, dass unser Engagement wahrgenommen wird. Wir werden als Pilotschule sowohl im Kanton als auch über die Kantonsgrenze hinaus zu Weiterbildungs- und Netzwerkanlässe eingeladen, und auch die Berichterstattung in den Medien war positiv.
Wie ist die Resonanz bei den Jugendlichen, den Lehrpersonen und den Erziehungsberechtigten?
Bei vielen Jugendlichen spüren wir, dass sie sich gerne für das Klima engagieren. Sie können häufig auch auf Erfahrungen im eigenen Haushalt zurückgreifen. Die Lehrpersonen sind motiviert, aber auch dankbar, dass sie bei Gesamtschulanlässen auf zum Teil pfannenfertige Angebote zurückgreifen können. Daneben setzen sie im Unterricht fachspezifisch und -übergreifend anspruchsvolle Lehrplaninhalte zu nachhaltiger Entwicklung um.
Für interessierte Eltern - und natürlich auch Jugendliche - bieten wir jeweils parallel zur internationalen Klimakonferenz (COP) eine öffentliche Veranstaltung mit bekannten Persönlichkeiten an. Aus Wissenschaft und Politik werden Aspekte unseres Jahresthemas beleuchtet und zusammen mit dem Publikum diskutiert. Zudem schalten wir live an die COP, so dass die Schülerinnen und Schüler erfahren, wie auf den verschiedenen Ebenen für eine nachhaltige Entwicklung verhandelt wird. Politische Bildung pur!
So hat Dr. Gian-Kasper Plattner von der Direktion der WSL am 7.12.23 die aktuellen Forschungsergebnisse zu den neuen Klimarekorden präsentiert. Anschliessend haben Eric Nussbauer und Ruedi Rechsteiner aufgezeigt, wie die Energietransformation mit erneuerbaren Energien leistbar ist.
Wie lässt sich ein solches Projekt mit vielen Aktivitäten mit dem Lehrplan einer Sekundarschule vereinen?
Bildung für nachhaltige Entwicklung ist im Lehrplan Volksschule Basel-Landschaft verankert. Die Sekundarschule Gelterkinden macht also nichts anderes, als diesen Lehrplan umsetzen! Mit Leitthemen wie «Politik, Demokratie und Menschenrechte», «Natürliche Umwelt und Ressourcen», «Globale Entwicklung und Frieden» oder «Wirtschaft und Konsum» können Lehrpersonen an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und an aktuellen Themen anknüpfen.
Würden Sie dieses Projekt weiteren Schulen im Kanton Basel-Landschaft empfehlen? Welchen Tipp können Sie anderen interessierten Schulen geben?
Unbedingt! Das Projekt ist zwar anspruchsvoll, aber aus meiner Sicht lohnt sich der Aufwand auf der ganzen Linie. Es ist aber klar: vom Kollegium über die Schulleitung bis zum Hauswart müssen alle hinter der Sache stehen. Wenn dazu im Kernteam noch alle Schulbeteiligten vertreten sind, stehen die Chancen schon sehr gut. Dazu ist die Zusammenarbeit mit einem professionellen externen Anbieter sehr zu empfehlen. Und natürlich sollen sich die Schülerinnen und Schüler einbringen können: ihre Sichtweisen und Zukunftsvorstellungen sind uns wichtig.
Möchten Sie zum Schluss noch etwas speziell erwähnen?
Wir wollen mit der «Klimaschule» die Jugendlichen erleben lassen, dass sie Teil der Transformation sind und damit ihre Selbstwirksamkeit stärken – was den eingangs erwähnten Zukunftsängsten entgegenwirkt. Im Sinne des 4K-Modells fördern wir damit auch bewusst überfachliche Kompetenzen. Für uns als Sekundarschule waren diese Aspekte gleichzeitig Ausgangspunkt und Zielsetzung unseres Projekts.