Ein weltmeisterliches Comeback
Cheyenne Rechsteiner vom TV Liestal holte sich nach fünf Jahren Unterbruch bei ihrem Comeback im vergangenen August ihren dritten Weltmeistertitel im Rhönrad. Und dies trotz erschwerten Umständen durch ihr Doktorat in den USA.
Im Grunde genommen hatte sich Cheyenne Rechsteiner mit dem Ende ihrer Rhönradkarriere schon arrangiert. Die Weltmeisterschaften 2018 in Magglingen bildeten einen grossartigen Höhepunkt ihrer Karriere, sie holte den Titel in der Disziplin «Spirale» und drei zusätzliche Silbermedaillen. Ein Jahr darauf trat sie nach einer letzten Goldmedaille an den Schweizer Meisterschaften zurück und konzentrierte sich fortan auf ihr Studium an der ETH und ihre neu übernommene Trainerinnentätigkeit in ihrem Verein, dem TV Liestal.
Im Sommer 2022, als sie sich in der Universität von Rochester im amerikanischen Bundesstaat New York für ein Doktorat in Molekularbiologie einschrieb, war der Lebensmittelpunkt dem Rhönrad scheinbar noch weiter entrückt. Doch in den USA kehrte die Lust auf die alte Leidenschaft zurück. Cheyenne Rechsteiner nahm im Herbst 2022 nach ihrer ersten transatlantischen Rückreise ein Rhönrad mit in die USA, im Winter ein zweites und im Frühjahr 2023 ein drittes. «Da reifte erstmals der Gedanke, dass ich mit dem ambitionierten Ziel der Weltmeisterschaft 2024 in den Niederlanden meine Karriere wieder aufnehmen will», erinnert sie sich.
Reduzierte Unterstützung
Rhönrad ist eine anspruchsvolle Sportart, die einen hohen Trainingsaufwand erfordert. Von ihrer Technik hatte sie trotz des längeren Unterbruchs wenig verloren. Der konditionelle Aufbau, um wieder eine ganze Kür durchzustehen, war schon eine Spur anspruchsvoller. Die grösste Herausforderung jedoch war, dass Cheyenne Rechsteiner in den USA ganz für sich alleine trainierte. Ohne Teamkolleginnen und ohne Fachpersonen, die sie im Trainingsalltag direkt unterstützen konnten. Das Feedback kam deshalb von ihrem Freund, der ebenfalls in Rochester studiert, viel Ahnung von Physik hat und in diesen Fragen helfen konnte. Und per Videoanalyse auch immer wieder aus der Schweiz.
Cheyenne Rechsteiner liebt das Rhönrad, seit sie sieben Jahre jung ist. Sie begann beim Satus TV Birsfelden. Das Zusammenspiel von Ästhetik, Kraft und Koordination faszinierte sie sofort, und sie erzielte rasche Fortschritte. 2007 holte sie sich ihre ersten nationalen Titel auf Nachwuchsstufe. Als sie ihre Karriere in der Elite startete, investierte sie wöchentlich rund 20 Trainingsstunden. Schnell war sie nationale Spitze, wurde als innovative, kreative und elegante Turnerin wahrgenommen. Der erste Weltmeistertitel 2015 im Alter von erst 21 Jahren wurde in den Medien als «Sensation» bezeichnet. «Die Freude darüber war riesig», sagt Rechsteiner selbst. An der WM 2018 war sie schon als Favoritin am Start und bestätigte die Erwartungen mit einem Medaillensegen.
Bewährtes mit hoher Schwierigkeit
Sechs Jahre später, letzten August im niederländischen Almere, hatte sich im internationalen Feld vieles verändert. «Das Niveau ist deutlich höher geworden, die Konkurrenz ist grösser, die Dichte an der Spitze ebenso», sagt Cheyenne Rechsteiner. Sie selbst kam zwei Wochen vor den Titelkämpfen für die letzten Vorbereitungen zurück in die Schweiz, trainierte mit dem Nationalteam und ging mit hohen Ambitionen an den Start. An der WM setzte sie auf Bewährtes, was in ihrem Fall gleichbedeutend ist mit hohen Schwierigkeitsgraden, die auch die entsprechenden Punkte einspielen. «Ich hatte nur ein neues Element, das ich selbst eingereicht hatte, im Programm», sagt sie. In der Qualifikation sei noch nicht ganz alles optimal gelaufen, doch im Final der Disziplin Spirale ging alles perfekt auf: es reichte für Gold. Dazu kamen zwei Silbermedaillen im Geradeturnen und im Allround. Ein wahrlich weltmeisterliches Comeback!
Die WM 2026 im Fokus
Zurück in den USA steht die Altersforschung an der Universität wieder im Zentrum ihres Lebens. Doch das Training im Rhönrad geht weiter. So bucht sie sich ihre Trainingszeiten in der Halle, die ansonsten von Basketball- oder Volleyballteams der Universität belegt sind und studiert nun vermehrt auch wieder neue Elemente mit noch mehr Schwierigkeiten ein. Die Weltmeisterschaften 2026 in Deutschland sind ein realistisches nächstes Ziel, «sofern ich körperlich fit bleibe».
Das Ende der Karriere scheint derzeit weit weg. Die Funktion als Generalsekretärin des internationalen Rhönradverbandes (IRV) mit Sitz in Bern wird sie Ende Jahr für ein kleineres Engagement innerhalb der Organisation abgeben. Sie hatte dieses Amt 2022 angenommen, als sie nicht mehr aktiv gewesen war. Nun kommt es doch ab und an zu zeitlichen Konflikten.
Als Trainerin ist sie beim TV Liestal weiterhin involviert. Für zwei bis drei Trainingslagerwochen jährlich reist Cheyenne in die Schweiz. Sie unterstützt Athletinnen bei der Zusammenstellung ihrer Küren und analysiert das Wirken im Baselbiet mit Videoaufnahmen.
Text: Daniel Schaub, Sportamt Baselland
Bild 1: Internationaler Rhönradverband IRV
Bild 2: zVg Cheyenne Rechsteiner
Bild 3: Instagram Cheyenne Rechsteiner