Französischunterricht: Mehr Motivation durch reale Schreibanlässe
Valerie Steiner arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich «Betrieb & Weiterbildung» beim Amt für Volksschulen. Sie war bis Juli 2025 Lehrperson an der Primarstufe Baselland und berichtet im Interview wie sie es mit ihrer Klasse geschafft hat, das Französischlernen lebendig zu gestalten.
Wie ist die Idee entstanden, eine Brieffreundschaft mit einer französischsprachigen Schule zu starten?
Ich wollte in meinem Französischunterricht einen stärkeren Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler herstellen. Eine Arbeitskollegin, die seit mehreren Jahren einen Austausch mit einer französischsprachigen Klasse pflegt, berichtete mir davon. Zusätzlich tauschte ich mich mit der kantonalen Leiterin für Austauschprojekte über die Möglichkeiten zur Vernetzung aus. So lernte ich die Plattform «Match&move» von Movetia kennen, auf der nach Austauschklassen gesucht werden kann. Ich legte ein Profil an und lernte bald darauf eine Lehrperson aus dem Kanton Waadt kennen. Wir einigten uns auf einen mehrheitlich schriftlichen Kontakt mit Briefen und Postkarten. Zudem machten wir ab, uns mindestens einmal im Quartal zu schreiben und nach einiger Zeit ein Treffen zu organisieren. Die Tandems erstellten wir zufällig und ohne Einbezug der Schülerinnen und Schüler. Bald darauf starteten wir mit dem ersten Brief.
Wie haben Sie mit der französischsprachigen Lehrperson kommuniziert?
Ich schrieb anfänglich Französisch, weil ich den Anlass nutzen wollte, auch meine Französisch-Kompetenzen zu stärken. Die Lehrerin antwortete im Gegenzug auf Deutsch. Beim Austauschtreffen wechselten wir zwischen den Sprachen ab. Ich fand es bereichernd, da ich in meinem Alltag meist nur das Schulfranzösisch brauche. Durch den Kontakt wurde mein persönlicher Französisch-Wortschatz leicht erweitert.
War es kein Mehraufwand, die Brieffreundschaft zu organisieren?
Der organisatorische Aufwand war überschaubar. Die Erstellung des Profils dauerte etwa 15 Minuten. Auch der Austausch mit der Lehrperson nahm nicht viel Zeit ein und war unkompliziert. Es gab im Verlauf des Jahres intensivere und ruhigere Phasen. Während des Schuljahresabschlusses hörten wir kaum voneinander, dafür gab es nach den Ferien viel zu berichten.
Welche Strukturen und Themen geben Sie für die Briefe vor?
Meistens steht pro Quartal etwas Spezielles an, beispielsweise ein Lager oder bei uns die Basler Fasnacht. So finden sich schnell geeignete Themen. Zum Teil haben wir auch ein Thema aus dem Unterricht aufgegriffen und zum Beispiel eine Personenbeschreibung verfasst. Fürs Formulieren der Sätze liess ich die Schülerinnen und Schüler zuerst oft mit den iPads arbeiten. Ich merkte aber schnell, dass viele Sätze einfach eins zu eins übersetzt wurden. Ich habe dann den iPad-Gebrauch eingeschränkt, Chunks als Hilfe vorgegeben und die Schülerinnen und Schüler ermutigt, den ihnen bekannten Wortschatz auch zu brauchen.
Die Klasse schreibt also auf Französisch und die andere Klasse antwortet auf Deutsch?
Genau. Meine Arbeitskollegin macht es aber umgekehrt. Zu Beginn des Sprachenlernens kann es durchaus auch sinnvoll sein, die rezeptiven Sprachkompetenzen zu fördern. Vielleicht wäre es etwas zugänglicher für die Klasse gewesen, selbst auf Deutsch zu schreiben, dafür französische Briefe zu erhalten.
Welche Fortschritte beobachten Sie bei den Schülerinnen und Schülern?
Ein grosser Vorteil ist, dass die vom Lehrmittel vorgegebenen Schreibanlässe direkt in die Briefe einfliessen können. Ich beobachtete, dass die realen Schreibanlässe die Schülerinnen und Schüler motivieren, da sie auf ihre Schreibprodukte eine Antwort erhalten. Die Fortschritte in Bezug auf die Sprachkenntnisse standen bei unserem Briefkontakt nicht im Vordergrund.
Wie gehen Sie mit Schülerinnen und Schülern um, die kaum etwas schreiben?
Für mich ist wichtig, dass das Briefeschreiben mit etwas Lustvollem assoziiert wird. Ich zwinge folglich niemanden, Romane zu schreiben oder einen mehrschlaufigen Korrekturprozess durchzugehen. Ich notiere jedoch am Whiteboard gewisse Punkte, die im Brief erwähnt sein müssen. Auf diese verweise ich, wenn einzelne aus der Klasse früh abgeben wollen. Auch fordere ich Korrekturen von Sätzen ein, die abgeschrieben werden können. Haben Schülerinnen oder Schüler keine Lust mehr zu schreiben, biete ich Alternativen: ein Rätsel erfinden, das dem Brief beigelegt werden kann, den Brief verzieren oder illustrieren.
Wie haben Sie das gemeinsame Treffen erlebt?
Das Treffen fand im Rahmen der nationalen Austauschwoche statt. Ich finde das ein super Angebot. Movetia hat diesen Austausch komplett finanziert und uns in der Organisation stark unterstützt. Wir fuhren von Gelterkinden nach Bern und unsere Austauschklasse von Lausanne nach Bern. Die Tandems besuchten gemeinsam das Museum für Kommunikation. Um das Ganze aufzulockern, fand zu Beginn ein zweisprachiges Spiel statt, bei dem sich alle besser kennenlernen konnten. Später absolvierten die Klassen eine zweisprachige Schnitzeljagd durch die Altstadt.
Welche Tipps geben Sie Kolleginnen oder Kollegen, die ein ähnliches Projekt starten möchten?
Digitale Tools können gewinnbringend miteinbezogen werden. Wir haben beispielsweise Videobotschaften produziert. Selbstgemachte Lernfilme oder Hörbücher können ebenfalls ausgetauscht werden. Auch haben wir einander Fotos des Schulzimmers und Schulgeländes geschickt. So entstand auch ein kultureller Austausch, im Sinne von: Hey, wie sieht es eigentlich bei euch aus? Wie verbringt ihr eure Pause? Auf Schulebene finde ich super, wenn gleich mehrere Lehrpersonen beim Austausch mitmachen oder sich idealerweise zwei Schulen finden, die als Partnerschulen fungieren. Sonst kann das Projekt schnell versanden, wenn eine Person die Schule verlässt. Eine Schule kann damit auch ein Statement setzen und zeigen: Das ist uns wichtig. Die Angebote bestehen. Sie müssen nur genutzt werden.
Interview: Berner Schule 04/2025