«Mein Fokus liegt immer auf dem Kind»

Im Rahmen der kantonal finanzierten sozialpädagogischen Familienbegleitung (SPF) begleitet die Sozialpädagogin Virginia Albrecht seit zweieinhalb Jahren den autistischen Manuel S.* und seine Familie. Im Interview erzählen Virginia Albrecht und Frau S.*, wie diese Unterstützung erleben.

Die sozialpädagogische Familienbegleitung (SPF) unterstützt Familien in schwierigen Lebensphasen. Ausgebildete Fachpersonen suchen dabei die Familien in ihrer eigenen Umgebung auf. Seit Anfang 2022 regelt und finanziert der Kanton Basel-Landschaft die SPF als Angebot der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe.

Können Sie sich beide kurz vorstellen?
Frau S.: Ich bin Mutter von zwei Kindern im autistischen Spektrum und wohne gemeinsam mit ihnen im Baselbiet. Vor einigen Jahren habe ich mich vom Vater meines jüngeren Sohnes Manuel* getrennt – eine schwierige Situation, geprägt von vielen Emotionen. Gemeinsam mit meinem Ex-Partner entschied ich mich damals für eine Beistandschaft für Manuel. Unser Ziel war es, in dieser belastenden Zeit Unterstützung für Manuel und uns als Eltern zu erhalten. Mein zweiter Sohn ist schon älter, besucht eine weiterführende Schule und braucht keine zusätzliche Unterstützung mehr.  

Manuels Beiständin empfahl uns die sozialpädagogische Familienbegleitung – und das entsprach genau dem, was wir uns vorgestellt hatten und was wir benötigten.

Virginia Albrecht: Ich arbeite seit rund drei Jahren in der sozialpädagogischen Familienbegleitung beim Verein Sommerau und war zuvor über sieben Jahre in einem anderen sozialen Bereich tätig.

Was ist die sozialpädagogische Familienbegleitung?
Virginia Albrecht: Man kommt als fremde Fachperson in eine Familie. Zu Beginn gilt es herauszufinden, welche Menschen im Alltag der Familie oder explizit im Alltag des Kindes involviert und welche Themen präsent sind. In der Praxis geht es dann oft darum, gemeinsam entsprechende Ziele zu definieren und ganz praktisch an diesen zu arbeiten. In den regelmässigen Standortbestimmungen werden die Ziele überprüft. Damit die Familienbegleitung funktioniert, ist es wichtig, die Bedürfnisse aller Beteiligten im Familiensystem zu kennen.. 

Wie waren das erste Treffen und die erste Zeit mit der Familienbegleitung?
Frau S.: Ich war von Anfang an sehr hoffnungsvoll. Nach der Trennung waren mein Ex-Partner und ich sehr distanziert, was die gemeinsame Erziehung von Manuel betrifft und was sogar die Übergaben von Manuel von einem Elternteil zum anderen zu einer grossen Herausforderung machte. Manchmal wurden Abmachungen nicht eingehalten oder Übergabezeiten kurzfristig geändert. Es war ein ständiger Streitpunkt – etwas, das wohl viele frisch getrennte Paare kennen.

Als die sozialpädagogische Familienbegleitung mit Frau Albrecht startete, hat sie uns sofort bei diesen Konfliktpunkten unterstützt. Für uns beide wurde schnell klar, dass die Erziehung von Manuel nur funktioniert, wenn wir als Eltern gut miteinander kommunizieren und uns verbindlich an Abmachungen halten.

Zu dieser Zeit sprachen mein Ex-Partner und ich überhaupt nicht miteinander – eine sehr belastende Situation, vor allem wenn man ein gemeinsames Kind hat, das zu beiden Elternteilen eine Beziehung pflegen soll. Mit der Unterstützung von Frau Albrecht und unserem gemeinsamen Willen sind wir heute wieder ein richtig gutes Elternteam für Manuel. Wir unternehmen gemeinsam Ausflüge oder fahren sogar zusammen in die Ferien. Ohne die Begleitung von Frau Albrecht wäre das vermutlich nicht möglich gewesen. Ihre pädagogische und neutrale Aussensicht sowie ihr konsequenter Fokus auf Manuels Wohl haben bei uns enorm viel bewirkt.

Virginia Albrecht: Ich erinnere mich noch gut an die erste Zeit mit Familie S. Schon beim Kennenlernen wurde mir klar: Es gibt einige Themen, bei welchen die Familie Unterstützung braucht und wünscht. Mir war es wichtig, die Kontakte zwischen den beiden Elternteilen vor- und nachzubesprechen - jedoch ohne als kontrollierende Instanz daneben zu stehen. Am Anfang erforderte das viel Einsatz, und heute sprechen wir gar nicht mehr über die Übergaben von Manuel - sie funktionieren einfach. 

Was braucht es am Anfang, dass die Eltern der sozialpädagogischen Familienbegleitung Vertrauen schenken?
Virginia Albrecht: Für eine erfolgreiche sozialpädagogische Familienbegleitung braucht es von allen Seiten Offenheit und Ehrlichkeit. Die Familie muss wissen, welche Abmachungen und Ziele gelten und dass diese verbindlich sind. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Eltern darauf vertrauen können, dass es genau um diese Ziele und Abmachungen geht – nicht mehr und nicht weniger. Mein Fokus liegt immer auf dem Kind. Es geht nicht darum, wer Recht hat oder wer was gesagt hat. Das war auch bei der Familie S. ein zentraler Punkt.

Frau S.: Zu wissen, dass Manuels Vater Frau Albrecht ein Update gibt und umgekehrt er weiss, dass ich das Gleiche tue, hat uns in vielen schwierigen Situationen geholfen, erwachsen und respektvoll zu bleiben. Ich habe schon viele Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen erlebt, und es reicht nicht, nur ein Diplom zu haben. Frau Albrecht ist neben ihrer fachlichen Kompetenz sehr feinfühlig, und ich fühle mich von ihr immer verstanden. Gleichzeitig ist sie sehr klar in ihrer Kommunikation – und das hilft enorm, wenn man sich wieder einmal in Konflikten verliert.

Welche Hilfestellungen erhalten die Familien durch eine Familienbegleitung?
Virginia Albrecht: In den meisten Fällen geht es um klare Kommunikation und verbindliche Abmachungen. Viele Beteiligte müssen zuerst lernen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen – das gilt sowohl für das Kind als auch für die Eltern. Die nächste Herausforderung besteht dann oft darin, diese Bedürfnisse so auszudrücken, dass sie von anderen Personen verstanden werden. Genau hier setze ich mit vielen Familien an: Ich höre zu, begleite sie dabei, ihre Bedürfnisse zu erkennen, und unterstütze sie, diese klar und verständlich zu kommunizieren.

Für autistische Kinder kann es besonders herausfordernd sein, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, zu erkennen und zu benennen. Mit Manuel war der erste Schritt die Arbeit mit Gefühlskarten. Er musste lernen, welche Gefühle es gibt und was sie bedeuten, und im zweiten Schritt, wie sich diese Gefühle bei einem selbst anfühlen.

Ein weiteres hilfreiches Tool in der Arbeit mit Manuel ist unser «Antistresskoffer», gefüllt mit Materialien wie einem Ball oder einem Boxhandschuh, die ihm helfen, Stress auf eine kontrollierte Weise abzubauen.

Frau S.: Als Mutter von zwei Kindern im Spektrum habe ich mir im Laufe der Jahre ein umfassendes Wissen in Psychologie und Sozialpädagogik angeeignet. Es hilft mir sehr, dieses Wissen mit der Fachkompetenz von Frau Albrecht zu kombinieren. Gemeinsam entwickeln wir immer wieder ein perfekt auf mein Kind abgestimmtes Konzept, das im Alltag auch wirklich funktioniert.

Wöchentlich tauchen neue Themen und Situationen in Manuels Leben auf, mit denen auch ich als Mutter konfrontiert werde. Frau Albrecht bringt immer wieder neue Ansätze mit. Der Austausch mit einer Fachperson ist dabei enorm wertvoll. Gerade bei getrenntlebenden Eltern ist es wichtig, dass für das Kind dieselben Regeln gelten und dieselben pädagogischen Ansätze verfolgt werden.

Wie sieht ein klassischer SPF-Termin aus?
Virginia Albrecht: Im Durchschnitt besuche ich die Familien einmal pro Woche. Zu jedem Termin gehören für mich eine sorgfältige Vorbereitung und anschliessende Nacharbeit. Nach jedem Treffen halte ich fest, was wir besprochen und bearbeitet haben, welche Beobachtungen ich gemacht habe und welche Abmachungen getroffen wurden. In der Regel machen wir beim nächsten Termin nahtlos dort weiter, wo wir aufgehört haben. Manchmal gibt es aber auch unvorhergesehen ein neues Thema oder Ereignis, das im Vordergrund steht und bearbeitet werden muss.

In manchen Familien ist nur das alleinerziehende Elternteil an der SPF beteiligt, in anderen Fällen sind beide Elternteile gleichermassen einbezogen. Dann finden die Termine situationsabhängig und je nach Bedarf bei der Mutter oder beim Vater statt.

Frau S.: Bei jedem Termin richten wir uns nach den Bedürfnissen von Manuel. Es gibt Wochen, in denen er direkt Unterstützung zu einem bestimmten Thema braucht und Frau Albrecht gemeinsam mit ihm daran arbeitet. Das ist jedoch nur möglich, wenn Manuel nach einem langen Schultag noch genügend Energie dafür hat. Manchmal geht es um Themen, bei denen ich als Mutter Unterstützung benötige und Frau Albrecht einbeziehe.

Virginia Albrecht: Genau, ich bereite mich vor jedem Termin auf verschiedene Varianten vor – auf die Arbeit mit Manuel alleine, auf den Austausch mit dem Elternteil alleine und natürlich auf die Option, dass wir das Thema alle gemeinsam bearbeiten. Aufgrund der Bedürfnisse von Manuel als Kind im autistischen Spektrum gestalten wir die Termine so, dass er sich jederzeit zurückziehen kann. Bei ihm war zum Beispiel kürzlich der Umgang mit Stress ein Thema. Ich habe das zuerst mit den Eltern besprochen, denn auch sie müssen wissen, wie sie damit umgehen können. Im Anschluss habe ich Manuel konkrete Antistress- und Atemübungen gezeigt und diese mit ihm geübt.

Wie kann die sozialpädagogische Familienbegleitung in der Schule unterstützen?
Virginia Albrecht: Als sozialpädagogische Familienbegleitung habe ich immer den Fokus auf dem Kind, ich bin weder Elternteil noch Lehrperson. Diese fachliche Aussensicht mit Fokus auf das Wohlergehen des Kindes kann bei Herausforderungen im Schulsystem durchaus hilfreich sein. Ich nehme auch an Sitzungen mit Familien und Schule teil und versuche auch da, immer wieder den Fokus zurück auf das Kind zu holen.

Frau S.: Auch bei uns sass Frau Albrecht schon an einem grossen Runden Tisch für eine Aussprache mit der Schule. Egal wie viel Mühe ich mir gebe, sachlich zu bleiben, für die Schule bin ich natürlich immer die Mutter von Manuel. Es hat mir sehr geholfen, mit Frau Albrecht noch eine Aussensicht mit am Tisch zu haben, deren Fokus zu 100 Prozent bei meinem Sohn liegt. 

Hat sich neben Manuel auch Frau S. durch die sozialpädagogische Familienbegleitung weiterentwickelt?
Virginia Albrecht: Ja, absolut. Frau S. ist gelassener geworden und hat mehr Vertrauen in sich selbst. Auch wenn sich neue Herausforderungen ergeben, findet sie heute stets einen Ansatz, wie solche Situationen gelöst oder verbessert werden können.

Frau S.: Ich habe Frau Albrecht von Anfang an gesagt, dass ich mich stark für meine Kinder einsetze. Dabei ist es mir aber sehr wichtig, dass ich meinen Kindern damit nicht schade und nicht zu einer «Helikoptermutter» werde. Es tut mir gut zu wissen, dass ich jemanden an meiner Seite habe, der mich bei Bedarf etwas bremst, ohne zu urteilen.

Virginia Albrecht: Wichtig ist dabei zu betonen, dass die sozialpädagogische Familienbegleitung nicht dazu da ist, zu bewerten, was richtig oder falsch ist. Vielmehr geht es darum, Themen offen zu besprechen, zu diskutieren und die Grenzen des Beeinflussbaren aufzuzeigen. Und ja, manchmal braucht es eine aussenstehende Person, die die Familie auf gewisse Themen und Verhaltensweisen aufmerksam macht und mit ihnen Verbesserungen im Umgang miteinander erarbeitet.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für die Familie S. und Manuel?

Virginia Albrecht: Mein Ziel für Manuel ist, dass er noch mehr Handlungsoptionen entwickelt, um besser mit seinen Emotionen umgehen zu können. Wir sind noch nicht ganz an dem Punkt, wo er keine Unterstützung mehr benötigt. Auch in Bezug auf seinen Perfektionismus ist es wichtig, dass er lernt, dass Fehler zum Leben dazugehören – das wird ihm auch in der Schule immer wieder begegnen.

Für die Eltern wünsche ich mir, dass sie weiterhin so konstruktiv kommunizieren wie bisher. Auch in Zukunft werden immer wieder Situationen auftauchen, die Konfliktpotenzial bergen – hier sollen sie nicht wieder in alte Muster zurückfallen.

Frau S.: Ich wünsche mir, dass Frau Albrecht uns auch während Manuels Pubertät weiterhin begleitet. Ich merke, dass seine Mitschülerinnen und Mitschüler zunehmend bemerken, dass Manuel anders ist als sie selbst. Ich denke, dass sich diese Dynamik in der Pubertät verstärken wird und noch einmal neue Herausforderungen für ihn und uns als Familie mit sich bringt. Ich hoffe sehr, dass wir noch eine Zeit lang von der Unterstützung von Frau Albrecht profitieren dürfen. 

*Namen wurden geändert.

Bild Legende:
Foto: zVg Virginia Albrecht