Verpflichtungskredit für Internet an den Schulen (1999 bis 2002)
Landrat / Parlament || Inhalt der Vorlage 1999-038 vom 2. März 1999
Verpflichtungskredit für Internet an den Schulen (1999 bis 2002)
Geschäfte des Landrats || Hinweise und Erklärungen
B. Bericht
1. Ausgangslage
1.1 Auf dem Weg zur Informationsgesellschaft
Die Bedeutung des Internets bzw. der gesamten Informationstechnologie für Schule und Unterricht geht vor allem von den entsprechenden technologischen Entwicklungen und ihren vielfältigen Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebensbereiche aus. In ihrem Bericht «für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz» hat die Groupe de Réflexion dem Bundesrat eine Auslegeordnung des gegenwärtigen Standes und der Perspektiven einer Informationsgesellschaft unter Einschluss wirtschafts-, beschäftigungs-, sozial-, kultur-, forschungs- und bildungspolitischer Aspekte vorgelegt. Die Verfasserinnen und Verfasser umreissen die bereits heute sichtbaren Konturen der Informationsgesellschaft wie folgt:
«Angesichts der enormen Bedeutung der Information für alle Bereiche des Lebens und in Anlehnung an Begriffe wie «Steinzeit», «Eisenzeit» oder «Industriezeitalter» drängt sich die Bezeichung «Informationszeitalter» für die kommende Epoche geradezu auf. Durch die Vereinigung der beiden Elemente Telefonie und Telegrafie mit der Mitte dieses Jahrhunderts aufgekommenen Informatik zur Informationstechnik wurde der Grundstein zum Informationszeitalter gelegt. Dessen wesentlichste Komponenten sind die orts-, distanz- und zeitunabhängige telekommunikationstechnische Erreichbarkeit mittels weltweiten, teleinformatikgestützten, leitergebundenen und drahtlosen Übertragungstechniken in Verbindung mit dem Einsatz von Computern und Mikrocomputern in beinahe allen zivilisationstechnischen Einrichtungen zur Automatisierung denkartiger Vorgänge. Der Ausdruck «Informationsgesellschaft» bezeichnet demnach die im «Informationszeitalter» praktizierte Wirtschafts- und Gesellschaftsform, welche also hauptsächlich auf der zunehmend interaktiven Gewinnung, Speicherung, Verarbeitung, Vermittlung, Verbreitung und Nutzung von Informationen und Wissen basiert und in welcher der produktive Umgang mit der Ressource Information und die wissensintensive Produktion eine herausragende Rolle spielen.» (Groupe de Réflexion. Für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz, Bern, Juni 1997, S. 11)
Internet ist ein Element der gesamten sich rasant entwickelnden und sich weltweit vernetzenden Informations- und Telekommunikationstechniken zur Erfassung, Darstellung, Verarbeitung und Verteilung von Informationen. Die technische Entwicklung geht weiter in Richtung Vernetzung und Integration der Basistechnologien Telefon, Radio, Fernseher und Computer bei steigender Leistungsfähigkeit der Komponenten. Die sinkenden Übermittlungskosten tragen dazu bei, dass die Kontinente und Länder zu einem «virtuellen, globalen Dorf» zusammenrücken. Diese Entwicklungen setzen ein riesiges Potential zur Veränderung und Neugestaltung vieler Lebensbereiche frei. Politisch geht es darum, den Vorrang der menschlichen Zwecke gegen die Eigendynamik der Mittel durchzusetzen.
1.2 Informatik-Unterricht an den Schulen
Die Schulen des Kantons Basel-Landschaft haben sich in den letzten Jahren aktiv mit den Entwicklungen der Informationstechnik auseinandergesetzt. Während der Informatik-Unterricht sich in den 70er-Jahren auf das Programmieren konzentrierte, öffnete er sich in den 80er-Jahren zur Anwenderschulung und zur fächerübergreifenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Informationstechnik, und die Computer wurden sukzessive in verschiedenen Fächern als Arbeits- und Lernmittel eingesetzt. Der Informatik-Unterricht verlagerte sich von der Hochschulstufe in die Sekundarstufe II (Berufsbildung und weiterführende Schulen) und schliesslich in die Sekundarstufe I (6. bis 9. Schuljahr). Neben den Berufsschulen, welche sehr direkt mit den Entwicklungen im Arbeitsleben gekoppelt sind, und den weiterführenden Schulen, haben auch die Schulen der Sekundarstufe I seit gut 10 Jahren Anstrengungen für die Vermittlung einer informationstechnischen Grundbildung und die Nutzung der Informatikmittel im Unterricht unternommen. Ab Sekundarstufe I ist im Kanton Basel-Landschaft der Informatikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler als Grundkurs und als fächerübergreifendes Bildungsanliegen verwirklicht.
Am Kindergarten und an der Primarschule wurde bisher bewusst auf die Integration der Informationstechnik als Unterrichtsgegenstand oder als Unterrichtsmittel verzichtet. Die neuen Stufenlehrpläne für den Kindergarten und die Primarschule vom Januar 1998 sehen denn auch auf dieser Stufe keinen «Informatik-Unterricht» vor. Allerdings ist gegenwärtig eine rasante Entwicklung im Bereich der Lernsoftware zu verzeichnen, welche vielen Schülerinnen und Schülern des Kindergartens und der Primarschule eine Nutzung ausserhalb des Unterrichts eröffnet, und Lehrpersonen sammeln Erfahrungen mit dem Einsatz dieser Lernsoftware im Unterricht. Mit dem seit Januar 1998 und bis Ende Schuljahr 1999/2000 laufenden Pilotprojekt, an welchem 6 Primarklassen im Kanton Basel-Landschaft beteiligt sind, werden Erfahrungen mit dem Einsatz des Computers zur Förderung der inneren Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts unter Einbezug des Internets gesammelt.
Im Bereich der Sonderschulung (IV-Sonderschulen/heilpädagogische Tages- bzw. Heimschulen, Gehörlosen- und Sprachheilschule) ist relativ früh die Informationstechnik als didaktisches und spezifisch für einzelne Schülerinnen und Schüler einzusetzendes Hilfsmittel genutzt worden.
1.3 Neuer Bedarf der Schulen
Internet und interaktive Lernsoftware werden mehr und mehr auch zu wichtigen didaktischen Hilfsmitteln zur Unterstützung des Lernens in verschiedenen Lernbereichen. Das Internet macht eine Informationsfülle in bisher unerreichtem Ausmass für den Unterricht zugänglich, und gleichzeitig ist es Symbol, Ausdruck und Werkzeug der zunehmend elektronisch vernetzten, globalisierten «Wissensgesellschaft». Im Unterschied zu den traditionellen Lehrmitteln, welche die Inhalte auf das für die Lernprozesse Nützliche eingrenzen, sind die Inhalte im Internet nur beschränkt kontrollierbar und widerspiegeln sowohl positive als auch negative Aspekte der Gesellschaft. Die leichte Zugänglichkeit zu rassistischen, sexistischen oder pornografischen Inhalten und Darstellungen im Internet bedingt eine erhöhte pädagogische Sorgfalt. Eine zuverlässige Abschirmung der Schülerinnen und Schüler etwa mit Filterprogrammen gibt es indes nicht. Eine besondere pädagogische Aufgabe stellen zudem die Überfülle und die dadurch erforderlichen Strategien zur Auswahl und Bewertung dieser Daten dar. Die Schule wird als Teil der zu vermittelnden Medienkompetenz eine Pädagogik des klugen Umgangs mit Internet und nicht eine Pädagogik der Bewahrung entwickeln müssen. Die Gewährung des Zugangs zum Internet muss deshalb an eine Qualifikation der Schülerinnen und Schüler, an Regeln und an eine Betreuung durch entsprechend qualifizierte Lehrpersonen bzw. technisches Personal gebunden sein. (1)
Neben der Hinführung zu einer klugen Nutzung der Informatikmittel und der Vermittlung eines elementaren Verstehens dieser Entwicklungen ist die Schule durch die Allgegenwart der Informationen und der ausserschulischen Lernmöglichkeiten sowie durch die Dynamik der Veränderungen in ihrer Funktion der Wissensvermittlung ganz besonders herausgefordert. Schulische Grundausbildung einerseits und ausserschulisches und lebenslanges Lernen andererseits müssen neu aufeinander abgestimmt werden.
Landrat Claude Janiak reichte am 12. Juni 1997 eine Motion «betreffend Internetinitiative an den Baselbieter Schulen» ein. Der Vorstoss wurde vom Landrat an seiner Sitzung vom 4. Dezember 1997 einstimmig als Postulat überwiesen (LRB Nr. 1169). Damit wurde der Regierungsrat aufgefordert, dem Landrat eine Vorlage zu unterbreiten für die Einführung des Internets an sämtlichen Baselbieter Schulen, so dass der Zugang für jede Schülerin und jeden Schüler gewährleistet ist, sich alle Lehrpersonen einer Fortbildung unterziehen und bei der Einführung geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit Computern beachtet werden.
1.4 Unterrichtsziele und schulische Anwendungen
Die Ziele für den Einsatz des Internets und von Lernsoftware an den Schulen können wie folgt umrissen werden (2) :
• Internet ist ein Unterrichtsgegenstand: Die weitreichenden Veränderungen in verschiedenen Lebensfeldern - die Veränderung in der Arbeitsorganisation und die Umstrukturierung ganzer Branchen (z. B. Verkauf) einschliesslich der sozialen Folgen, die Rolle des Internets bei der Globalisierung der Wirtschaft, die Verteilung und Archivierung von Wissen etc. - müssen von Bürgerinnen und Bürgern für eine kluge Teilhabe an diesen Entwicklungen verstanden werden. Die Schule wird - im Sinne der Vermittlung einer grundlegenden Medienkompetenz - einen Beitrag zum Verständnis und zur sinnvollen Nutzung leisten müssen.
• Internet ist ein Mittel zur Informationsbeschaffung und verbreitert dadurch die Informationsbasis für den Unterricht: In Ergänzung zu den Büchern und audiovisuellen Medien in den Schulbibliotheken dient das Internet als Informationslieferant für Einzel-, Gruppen- oder Projektarbeiten. Die Schülerinnen und Schüler lernen im praktischen Umgang das Typische der unterschiedlichen Medien kennen und setzen sie zweckmässig für den selbständigen Erwerb von Kenntnissen ein. Schülerinnen und Schüler lernen, mit der elektronischen Informationsflut umzugehen, Informationen kritisch zu bewerten und die Medien als Arbeits- und Lernmittel zu nutzen. Schülerinnen und Schüler mit besonderen Interessen und Fähigkeiten können vertiefende Recherchen anstellen.
• Internet ist ein neues Unterrichts- und Kommunikationsmittel: Als neues Kommunikationsmittel ermöglicht Internet den Schulen, sich weltweit mit anderen Schulen oder anderen Teilnehmern in neuer Form zu verständigen (E-Mail z. B. für Unterrichtsprojekte; zweisprachige Lerntandems für das Fremdsprachenlernen; Selbstdarstellung über die Einrichtung einer Home-Page; Teilnahme an sachbezogenen Diskussionen über eine längere Zeit, internetgestützte Unterrichtsprojekte (3) ). Die Schule soll das besondere pädagogische Potential des Internets und der Lernsoftware für individualisiertes und selbständiges Lernen der Schülerinnen und Schüler insbesondere als Teil der Vorbereitung auf das lebenslange Lernen nutzen.
• Internet und Lernsoftware sind nicht für alle gleich zugänglich: Aufgrund der stark unterschiedlichen privaten Nutzung der Informationstechnologien muss die Schule auf unterschiedliche Voraussetzungen und Interessen der Schülerinnen und Schüler Rücksicht nehmen. Dies gilt insbesondere auch für die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Interessen und im Umgang mit der Informationstechnik (4) .
• Internet ist ein Werkzeug für Lehrpersonen: Es kann Lehrpersonen mit dem breiten Informationsangebot zur Unterrichtsvorbereitung dienen (Unterrichtsmaterialien, Literatur, elektronische Zeitungen).
Internet und Multimedia zeichnen sich dadurch aus, dass die Nutzerinnen und Nutzer nicht «passive» Empfänger gesendeter Informationen sind, sondern sie erfordern ein aktives Holen. Deshalb haben diese Mittel ein erhebliches Potential, um das «Lernen lernen» bzw. das aktive, selbständige und gemeinsame Lernen zu fördern. Allerdings werden oft überhöhte Erwartungen an die schulische Nutzung gestellt. Vernetzte Computer mögen wohl bereits in wenigen Jahren zur «Schiefertafel des 21. Jahrhunderts» für alle Schülerinnen und Schüler werden. Lern- oder Motivationsprobleme lassen sich indes nicht mit Apparaten lösen, sondern können nur mit sinnstiftenden und zwischenmenschlich verbindlichen Beziehungen angegangen werden. Die Bildungs- und Lernziele der Grundausbildung und die schulischen Lernarrangements müssen im Hinblick auf die sich verändernden Anforderungen und die Erfordernisse des lebenslangen Lernens auf allen Stufen überdacht werden. Eine grundlegende Allgemeinbildung, die zum selbständigen und gemeinsamen Weiterlernen befähigt und ermutigt, gewinnt vor dem Hintergrund der umschrieben Entwicklungen an Bedeutung. Internet und Multimedia lassen sich in den Dienst für diese grundlegende Allgemeinbildung stellen.
Fussnoten
1. So hat das Gymnasium Oberwil gute Erfahrungen mit einer gezielten Einführung und Überwachung der Benutzung gemacht. Schülerinnen und Schüler müssen sich für den Internetzugang bewerben und einen sechsstündigen Kurs mit Schlussprüfung absolvieren. Jede Schülerin und jeder Schüler soll einen persönlichen Account mit Passwort erhalten, der zu einem verantworteten Umgang anhält.
2. Vgl. dazu auch: «Internet an den Schulen des Kantons Basel-Landschaft», Erziehungs- und Kulturdirektion, Liestal, Oktober 1997. Und: Schiefer, M. und Zehnder, M. W.: Kinder, Schule, Internet. Ein Ratgeber für Pädagogen und Eltern. Edition Smile 1998.
3. Ein Beispiel ist GLOBE (Global Learning and Observations to Benefit the Environment/www.globe.org), das rund 6000 Schulen weltweit verbindet. Schulen sammeln Daten über die Umwelt, übermitteln sie über Internet an die Zentrale in den USA, wo sie Wissenschafter/innen aufarbeiten und den Schulen wiederum für den Unterricht zur Verfügung stellen.
4. Die Baselbieter Befragung zur Informatik an den Gymnasien hat vor rund 10 Jahren gezeigt, dass die Schülerinnen bei der Gewichtung der Informatik deutlich andere Akzente setzen als ihre männlichen Mitschüler. Dies gilt insbesondere für die «nichttechnischen», gesellschaftlichen und sozialen Aspekte der Informationstechnik. Die geschlechtsspezifische unterschiedliche Gewichtung in der Behandlung und Nutzung des Internets ist in zahlreichen neueren Untersuchungen gut dokumentiert, so dass eine geschlechterbewusste «Internetpädagogik» auf differenzierten Arbeiten aufbauen kann.