Protokoll der Landratssitzung vom 30. Oktober 2008

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2008-092 vom 10. April 2008
Postulat von Thomas Bühler, SP: Klassengrössen an der Volksschule
- Beschluss des Landrats am 30. Oktober 2008 < überwiesen >

Nr. 794

Landratspräsident Peter Holinger (SVP) erklärt, die Regierung lehne das Postulat ab.


Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) meint, die Argumentation passe wohl auch gleich auf einen neu eingereichten Vorstoss, nämlich die Motion 2008/275 von Paul Wenger.


Thomas Bühlers Postulat verlangt die Senkung der Richtzahl der Klassengrössen an der Primar- und Sekundarschule auf den Niveaus E und P auf 20 und der Höchstzahl auf 24. Ein zusätzliches Anliegen ist die Doppeltzählung von der besonderen Förderung bedürfenden Schüler(inne)n.


Folgende Überlegungen macht der Regierungsrat als Begründung für seinen ablehnenden Antrag geltend:


Thomas Bühler (SP) hält es für unbestritten, dass die Anforderungen für die Lehrpersonen an den Volksschulen in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind.


Die zunehmende Heterogenität der Klassen, die sich in einer grossen Bandbreite von Begabungen, Leistungen, Verhaltensweisen und Ansprüchen ausdrückt, macht den Lehrkräften zu schaffen. Ganz neu ist in den letzten Jahren die Integration von Kleinklassen-Schüler(inne)n dazugekommen - die sogenannte ISF-Begleitung - sowie von Kindern mit Migrationshintergrund und von Kindern mit Behinderungen.


Politik und Gesellschaft verlangen immer mehr Individualisierung, Begabten- und Begabungsförderung; dazu kommt die ebenfalls wichtige Sozialisierung in einer Gemeinschaft - das alles sind Ansprüche, die zum Teil stark divergierend an die Schulen herangetragen werden.


Früher war es selbstverständlich, dass die Schule darin von den Eltern unterstützt wurde. Heute haben die Schulen aber oft Probleme, die Eltern mit ins Boot zu holen, wenn es darum geht, erzieherische Massnahmen durchzusetzen.


Eine ganze Reihe neuer gesellschaftlicher und politischer Forderungen gibt es auch in Bezug auf Präventionsarbeit, so in den Bereichen Gewalt-, Suchtprävention, Mediennutzung, Gesundheitserziehung, Wert- und Ethikunterricht usw. Diese vielen neuen Ansprüche machen das Leben an den Schulen nicht einfacher. Vor allem auf der Sekundarstufe I ist festzustellen, dass es recht grosse Probleme gibt in Bezug auf die Arbeitshaltung, die Leistungsbereitschaft, die Umgangsformen und die Disziplin.


Die Grösse einer Klasse ist ein mitentscheidendes Kriterium für den Erhalt und die Verbesserung der Volksschul-Qualität. Die verlangte Binnendifferenzierung und Individualisierung in grossen Klassen ist, wie die Erfahrung aus 25 Jahren als Schulleiter an einer Primar- und Realschule zeigt, schlicht illusorisch.


Es ist die Einschätzung vieler Lehrpersonen, dass der pädadogische Gewinn von kleinen Lerngruppen deutlich höher liegt als bei gewissen Neuerungen, die ziemlich teuer sind und nun anstehen, so etwa die Einführung von Frühfremdsprachen.


Die Herausforderungen, die sich in den nächsten Jahren mit grossen Klassen noch verschärfen dürften - es gibt im Kanton bereits Klassen mit 25 oder 26 Schüler(inne)n -, sind kaum mehr zu bewältigen. Man könnte sich viele teure Massnahmen - nicht zuletzt im Disziplinarbereich - mit angepassten Klassengrössen ersparen. Kleine Klassengrössen sind angewandte Prävention.


Im Landrat wurde schon oft über Massnahmen gegen Disziplinarprobleme an den Schulen diskutiert oder über die Schlussfolgerungen zu PISA-Rankings, über Leistungsförderung oder die Sperrung gewisser Internet-Seiten an den Schulen. Viele dieser Probleme lassen sich in kleineren Lerngruppen einfacher lösen.


Erfreut kann zur Kenntnis genommen werden, dass nun eine SVP-Motion vorliegt, die kleinere Klassengrössen auf der Sekundarstufe I fordert. Es ist einzig zu bedauern, dass nicht auch die Primarschule in dieser Forderung enthalten ist; denn auch auf dieser Stufe braucht es kleinere Klassen. Thomas Bühler wird Paul Wengers Motion unterstützen, auch wenn er sich selber als Lehrer nie getraut hätte, sie einzureichen.


In Bezug auf die Integration ist zu unterscheiden zwischen ISF- und ISS-Kindern: Die Integration von Behinderten läuft unter der Bezeichnung ISS - dafür gibt es tatsächlich Ressourcen für den Beizug von heilpädagogischem Personal. Seit einigen Jahren, genauer: seit dem Inkrafttreten des Bildungsgesetzes, nimmt die Tendenz aber zu, auch vermehrt Kleinklassenschüler in die Regelklassen zu integrieren; für diese ISF-Kinder gibt es nur sehr begrenzte Möglichkeiten, heilpädagogische Kräfte beizuziehen. Dieses Problem kann mit der vorgeschlagenen Doppeltzählung gelöst werden - das wäre eine einfache und wirksame Lösung.


Der Landrat wird gebeten, das Postulat zu überweisen - als Signal, dass von der Regierung Schritte in der vorgezeichneten Lösung verlangt werden.


Urs Berger (CVP) stimmt dem Anliegen des Postulanten grundsätzlich zu. Aber das Postulat ist ein zu schwaches Instrument; der Vorstoss hätte als Motion eingereicht werden müssen. Das Baselbiet hat eine gute Volksschule, und mit kleineren Klassen würde sie noch besser.


Die CVP/EVP-Fraktion lehnt das Postulat ab, empfiehlt dem Postulanten aber, seine Forderungen als Motion nochmals einzugeben. [Heiterkeit]


Paul Wenger (SVP) unterstützt die Argumentation Thomas Bühlers. Die Forderungen müssen aber verbindlicher daher kommen - daher die heute eingereichte Motion mit der gleichen Stossrichtung.


Auf allen Schulstufen drängt sich mittel- oder langfristig die Reduktion der Klassengrössen auf. Das kostet natürlich Geld, aber die Einsparungen, die diese Massnahme zur Folge hat, dürften die Kosten aufwiegen.


Ein Teil der SVP-Fraktion unterstützt das Postulat.


Eva Gutzwiller (FDP) folgt der Argumentation des Bildungsdirektors - und mit ihr die ganze freisinnige Fraktion.


Die aktuellen Höchstzahlen im Bildungsgesetz bilden in der Praxis, solange pragmatisch vorgegangen wird, kein wirkliches Problem. Die meisten Klassengrössen liegen weit darunter.


Die ebenfalls verlangte Doppeltzählung ist schlicht nicht nötig, denn Klassen mit behinderten Kindern werden schon heute unterstützt, und dieses System wird noch weiter ausgebaut.


Über den Verlauf der Diskussion ist Eva Chappuis (SP) erstaunt: Die CVP will einen Vorschlag nicht unterstützen, den sie eigentlich unterstützenswert findet, nur weil er angeblich die falsche Form hat. Die SVP gibt sich linker als die Allerlinksten mit einem Vorstoss, der nicht bezahlbar sein wird. Und die FDP verhält sich nach der Devise «Augen zu und durch».


Das Postulat trägt zwar Eva Chappuis' Unterschrift, aber nur aus einem Grund. Die Höchstzahl 24 ist sinnvoll, die Doppeltzählung wird in der Praxis nichts bringen, und die heutigen Klassen sind nicht zu gross. Es braucht soziale Gemeinschaften an den Schulen, damit vernünftig gearbeitet werden kann. Den Schulen sollen keine Ressourcen vorenthalten werden, aber sie sollten ganz anders eingesetzt werden. Deshalb ist die Form eines Postulats die richtige: So kann nämlich auch geprüft werden, wie mit anderen Massnahmen Entlastung geschafft werden kann. Vermehrtes Team Teaching und mehr Klassenlehrer/ innen-Stunden bringen erheblich mehr als das Absenken durchschnittlicher Klassengrössen.


Das Postulat sollte überwiesen werden, so dass die Regierung volle Freiheit in der Überprüfung hat.


://: Das Postulat 2008/092 wird mit 38:32 Stimmen bei vier Enthaltungen überwiesen. [ Namenliste ]


Für das Protokoll:
Alex Klee-Bölckow, Landeskanzlei



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