Protokoll der Landratssitzung vom 14./15. Dezember 2016
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2016-014 vom 14. Januar 2016
Interpellation von Christoph Buser, FDP: Wirtschaftsmittelschule (WMS) als Konkurrenz zur Berufsbildung - was kostet die öffentliche Hand dieses Angebot? - Schriftliche Antwort des Regierungsrates vom 29. November 2016 - Beschluss des Landrates vom 15. Dezember 2016: < erledigt > |
Christoph Buser (FDP) verlangt die Diskussion.
://: Dem Antrag wird stattgegeben.
Christoph Buser (FDP) hat seinen Titel, der einigermassen provokativ daherkommt, durchaus bewusst gewählt. Fakt ist, dass mit dem Angebot eigentlich die KV-Lehre ersetzt wird. Ursprünglich entstand das Angebot aus einer Situation der Knappheit, um zu erreichen, dass es mehr Abgänger gibt. Dann lief man es laufen. Der Effekt war, dass immer mehr grosse Unternehmen (Pharma, Banken) darauf verzichten, KV-Lernende auszubilden.
Wenn dieses Modell Schule macht, werden viele andere Berufsgruppen, die heute mit den Verbänden helfen, das duale Ausbildungssystem sicherzustellen, indem sie z.B. die überbetrieblichen Kurse mitfinanzieren, ausgebremst und es kommt zu Zuständen, die man aus anderen Ländern kennt. Es ist störend, dass es sich (unterstützt mit CHF 13 Mio. pro Jahr) in diese Richtung entwickelt hat. Die Regierung sagt (nicht zu Unrecht), dass damit die Berufsmaturitätsquote gestiegen ist und argumentiert umgekehrt, dass sie bei einer Abschaffung der WMS heute nicht auf 17, sondern auf 10% wäre. Trotzdem ist es für den Interpellanten der falsche Weg. Es soll durchaus auch den P-Schülern aufgezeigt werden, dass das duale Bildungssystem mit seinen Möglichkeiten ein gangbarer Weg ist. Und dann sollte man gleichzeitig die Betriebe mehr sensibilisieren, dass sie vermehrt auf die Berufsmaturität setzen. Bundesrat Schneider-Ammann hat eine entsprechende Kampagne lanciert.
Die WMS ist ein Fremdkörper im System und ein sehr teures Angebot (das doppelt so viel kostet wie der duale Ausbildungsweg). Vielen Unternehmen wird damit der Gedanke in den Kopf gesetzt, weshalb sie überhaupt noch ausbilden sollen, wo es doch ein kantonales Angebot gibt.
Der Interpellant ist froh, dass die Regierung in ihrer Antwort teilweise Erkenntnis zeigt und zu verstehen gibt, dass man nicht wolle, dass die WMS eine Orientierungsschule für Unentschlossene ist. Sie will sich auch überlegen, eine gewisse Lenkung einzuführen, damit nur noch jene an die WMS gelangen, die das entsprechende Profil aufweisen. Man sollte sogar noch weiter gehen und erkennen, dass die WMS eine Fehlentwicklung ist und man schauen sollte, wie sie schrittweise wieder zurückgebaut wird, damit die duale Bildung auch im KV nicht zugrunde geht.
Caroline Mall (SVP) geht aufgrund des zuvor Gesagten davon aus, dass Christoph Buser die WMS am liebsten abschaffen würde. Im gleichen Atemzug sagt er, die PG-Schüler sollen dazu animiert werden, auch ins duale Bildungssystem einzusteigen. Damit legt der Interpellant einen Fokus auf einen Kanal: das duale Bildungssystem. Dieses ist in der Schweiz tatsächlich einmalig und soll auch weiterhin so florieren. Aber bitte: Schüler, die nach der obligatorischen Schulzeit nicht wissen, für welche Berufskategorie sie sich entscheiden sollen, sollen die Freiheit haben zu wählen, ob sie direkt ins duale Bildungssystem gehen oder über die WMS oder FMS ihr Glück finden. Bei den PG-Schülern ist es so, dass gerade die Erziehungsberechtigten den Kindern empfehlen, ein Studium zu ergreifen.
Jan Kirchmayr (SP) meint, dass man sich wohl darüber beschweren kann, dass es zuwenig Lehrstellen im Kanton gibt. Dann ist es aber schon fragwürdig und verantwortungslos, wenn man Lehrstellen streicht – so wie heute Morgen geschehen.
Zum Zweiten: Möchte man, dass Niveau P-Schüler/innen tatsächlich den dualen Bildungsweg beschreiten, müsste man anfangen, in die Berufsbildungsverantwortlichen zu investieren, anstatt dort zu kürzen.
Klaus Kirchmayr (Grüne) sagt, dass Christoph Buser zu einem gewissen Grad sicher Recht hat, insofern die Entwicklung zu stark in die von ihm geschilderte Richtung gegangen ist. Es hat tatsächlich eine gewisse Sogwirkung und Konkurrenzierung stattgefunden. In den letzten Jahren wurden aber insbesondere die Promotionsbedingungen und die Eintrittshürde für die WMS ziemlich verschärft. Es ist wahrlich kein Schoggiweg, eine WMS zu bestehen. Sie erfüllt zudem ein Bedürfnis, das auch durch eine KV-Lehre und entsprechende BM-KV-Lehre nur schwer erfüllt werden kann. Insbesondere in diversen grösseren Unternehmen ist dies tatsächlich so.
Deshalb ist die Anstrengung richtig, die WMS zu einem wertvollen und hochangesehenen Weg auszubauen, auf dem man etwas leisten muss. Es ist wenig davon zu halten, die ganze WMS infrage zu stellen. Es bestünde dabei die Gefahr, gewisse kaufmännische Talente zu verlieren. Besser wäre es, beide Wege parallel zu positionieren.
Christoph Buser (FDP) hat das Gefühl, dass Caroline Mall selektiv zugehört hat: Es geht ihm nicht darum, die WMS abzuschaffen. Sie hat aber eine Grösse erreicht, die man zumindest kritisch hinterfragen sollte. Der Staat fördert mit eigenen Mitteln eine solche Schule, was dem Votanten aus anderen Kantonen nicht bekannt ist. Dabei ist festzustellen, dass die Bereitschaft von Pharma und den grossen Banken, die KV-Leute in die Lehre zu nehmen, rapide abnimmt. Man kann dies als Wirtschaftsförderung gutheissen. Aber man sollte als Kanton doch weiterdenken und realisieren, dass es ihn doppelt so viel kostet. Das heisst, es wird hier eine Türe aufgestossen, was gar nicht nötig ist. Es gibt im Kanton Baselland viele sogenannte Parkierschulen. Im Vergleich mit anderen Kantonen gibt es nirgends so viele Brückenangebote wie hier. Es wäre komplett falsch, reflexartig von Bildungsabbau zu sprechen. Dabei wird nur der Schaden in der regulären Schule grösser und es gehen Gelder verloren, die anderswo, in den Sekundar- oder Primarschulen, fehlen. Es wäre auch der falsche Weg, die Grossindustrie in Sachen kaufmännischer Ausbildung vom Haken zu lassen.
Letzer Punkt: P-Schüler sollen auch in eine Lehre gehen können. Dazu muss der P-Schüler aber erst einmal wissen, was der Weg der Berufslehre überhaupt ist. Es gab in diesem Kanton das Problem, dass bis vor kurzem nicht nur die Eltern ihre Kinder auf dem Gymnasium sehen wollten, sondern dass auch die Lehrpersonen sich gar nicht für eine Alternative stark machten. Damit wäre der Ausbau der Fachhochschule (mit Passerelle etc.) gar nicht nötig gewesen. Hier ist man nun am Korrigieren – was das Thema, um das es in der Interpellation geht, nicht ausschliesst.
Martin Rüegg (SP) sieht es etwas anders als Christoph Buser. Als Lehrer am Gymnasium sieht er ab und zu auch Schüler/innen an die WMS wechseln. Für viele dieser Abgänger/innen ist das Angebot sehr wertvoll. Die Schule ist nicht so exotisch, wie dies Christoph Buser dargestellt hat. Immerhin ist in 20 von 26 Kantonen ein vergleichbares Angebot vorhanden. Somit ist Baselland in guter Begleitung.
Zu den Kosten: Der Bund finanziert die duale Ausbildung tatsächlich mit weniger Geld als die rein schulische. Es ist aber davon auszugehen, dass auch Betriebe sich finanziell engagieren, womit sie natürlich in ihre eigene Zukunft investieren. Vermutlich lassen sich die Zahlen deshalb nicht eins zu eins miteinander vergleichen.
Ist es denn so einfach, in kurzer Zeit 200 Lehrstellen mehr bereitzustellen? Zuletzt: Natürlich ist die WMS auch eine Art Konkurrenz zur Lehre. Von Seiten der FDP ist aber immer wieder zu hören, dass Konkurrenz das Geschäft belebe.
Florence Brenzikofer (Grüne) gibt Christoph Buser Recht, dass für P-Schüler/innen es extrem wichtig ist. Einverstanden auch, dass die Ausgangslage heute eine andere ist als noch vor zehn oder dreissig Jahren. Gerade die Eltern kennen diese Ausgangslage zu wenig. Aus diesem Grund hat die Votantin vor zwei Wochen anlässlich der Fragestunde auch zum vom Jan Kirchmayr angesprochenen Abbau Fragen eingereicht. Im Berufsinformationszentrum werden 10% Stellen abgebaut. Dies trifft genau jene Elternabende, die so wichtig wären, weil sie den P- und E-Eltern aufzeigen können, dass es den dualen Bildungsweg gibt, über den sich via Berufsmaturität oder Passerelle doch noch z.B. die ETH erreichen lässt. Werden die Elternabende jedoch abgebaut, besteht diese Möglichkeit nicht mehr in diesem Ausmass.
Paul Wenger (SVP) mit einer Ergänzung zu den Ausführungen von Christoph Buser, der gesagt hatte, dass die Grossindustrie, Banken etc. deutlich weniger KV-Lehrlinge ausbilden als früher. Dazu müsste man ergänzen, dass die Unternehmen die jungen Menschen gar nicht mehr finden, die den Qualitätsansprüchen der Ausbildungsbetriebe genügen – weil eben viele auf die WMS gehen. Es ist schon erstaunlich, dass es im Baselland 671 WMS-Absolventen (bei zirka 280'000 Einwohnern) gibt, während der Kanton Zürich mit seinen 1.3 Millionen Einwohnern 434 WMS-Absolventen aufweist. Von daher sind Überlegungen, die dieses Übergewicht etwas korrigieren, durchaus berechtigt und nötig.
Regierungsrätin Monica Gschwind (FDP) dankt für die interessante Diskussion. Was ist wichtig? Dass alle wissen – Eltern, Lehrpersonen und Jugendliche –, wie das Berufsbildungssystem funktioniert. Sie merkt immer wieder, dass dieses Wissen noch nicht in den Köpfen ist; insbesondere die Tatsache, dass es eine Berufsmatur gibt, die für die schulisch sehr starken Jugendlichen geeignet ist, um gleichzeitig eine Lehre und eine Matur zu absolvieren, was äusserst anspruchsvoll ist. Für jene, die schulisch nicht ganz so stark sind, steht die WMS offen.
Zu Florence Brenzikofer: Diese Information zu leisten ist das Wichtigste. In der 8. Klasse ist es dafür eigentlich schon zu spät. Man muss dazu viel früher einsetzen, weil Entscheide über den Berufsweg schon viel früher getroffen werden. Darüber ist man sich einig. An die Adresse von Jan Kirchmayr ist zu sagen, dass in der Region eigentlich zu viele KV-Lehrlinge ausgebildet werden. Der Arbeitsmarkt kann diese gar nicht aufnehmen und viele Jugendliche finden nach Abschluss ihrer Lehre keine Arbeit. Die Ausgangslage ist eigentlich umgekehrt.
://: Damit ist die Interpellation 2016/014 erledigt.
Für das Protokoll:
Markus Kocher, Landeskanzlei