Protokoll der Landratssitzung vom 18. Mai 2017

Landratspräsident Philipp Schoch (Grüne) erklärt, dass der Regierungsrat die Motion ablehne.

> Begründung des Regierungsrats

Regina Werthmüller (parteilos) findet es offensichtlich, dass «Passepartout» gescheitert sei. Sämtliche Umfragen in allen Kantonen zeigen das gleiche Bild: Die Schülerinnen und Schüler, die mit «Mille feuilles» und der neuen Mehrsprachigkeitsdidaktik Französisch lernen, verfehlen die Ziele in allen Bereichen: im Hören und Lesen, im Schreiben, im Wortschatz und auch dort, wo die «Passepartout»-Promotoren immer betonten, dass die Schulkinder gut sein würden: im freien Reden.

Die überwiegende Mehrheit der Schüler/innen kann auch nach vier Jahren Französischunterricht weder nach dem Weg fragen noch eine Cola im Restaurant bestellen.

Das Parlament hat der Regierung bis jetzt keinen verbindlichen Auftrag erteilt, sich vom interkantonalen «Passepartout»-Staatvertrag, der zwar Ende Juli 2018 ausläuft, abzuwenden: Weder die nichtformulierte Volksinitiative «Stopp dem Verheizen von Schülern und Schülerinnen: Ausstieg aus dem gescheiterten «Passepartout»- Fremdsprachenkonzept» noch der Vorstoss 2016-139 von Jürg Wiedemann, der als Postulat vom Landrat überwiesen wurde, sind ein verbindlicher Auftrag für die Regierung.

Die Initiative muss zuerst vom Volk angenommen werden, bevor die Regierung massgebliche Schritte einleitet. Und bis dahin schauen alle weg, weil nicht wahr sein darf, was wahr ist. Denn diese neue Mehrsprachigkeitsdidaktik und das teure und unbrauchbare Einweglehrmittel «Mille feuilles» haben Millionen gekostet. Dies zu stoppen, wäre ein Eingeständnis, dass man gescheitert ist. Deshalb verkündet man von offizieller Seite Durchhalteparolen und beschwichtigt die Kritiker, es sei noch zu früh, um definitiv zu urteilen; Schüler seien mitten im Einführungsprozess... «Wir brauchen noch mehr Zeit...» usw.

Genau das ist aber tragisch: Denn mit jedem weiteren Jahr wird eine weiterer Jahrgang diesem gescheiterten «Passepartout»-System zugeführt und, um es mit den Worten des Initiativtextes zu sagen, verheizt.

Heute hat es die FDP in der Hand, «Passepartout» zu stoppen und dafür zu sorgen, dass die folgenden Schüler/innen schnellstmöglich wieder einen fundierten und zielführenden Fremdsprachenunterricht erhalten.

Mit der Motion soll dem Regierungsrat ein verbindlicher Auftrag erteilt werden. Daher steht die Umwandlung in ein Postulat nicht zur Diskussion. Nochmals Prüfen und Berichten ergäbe definitiv keinen Sinn.

Miriam Locher (SP) meint, zu diesem Thema seien schon unzählige Vorstösse eingereicht worden. Es zu empfehlen, den letzten Abschnitt der regierungsrätlichen Stellungnahme gut zu lesen; diesen Ausführungen schliesst sich die SP-Fraktion.

Alle diese Vorstösse enthalten die immer gleiche Forderung, nämlich den Ausstieg aus dem Projekt «Passepartout». Die Vorlagen zur entsprechenden Initiative und zum Postulat werden derzeit erarbeitet. Diese Vorlagen sollen nun erst einmal abgewartet werden, und dann kann wieder diskutiert werden; bis dahin aber sind neue Vorstösse abzulehnen.

Pascale Uccella (SVP) meint, die Philosophie des Spracherwerbs mittels «Passepartout» gehe von falschen Vorstellungen aus: Es wird versucht, den Spracherwerb eines Kleinkindes zu imitieren. Die Ressourcen von zwei- bis dreimal 45 Minuten pro Woche auf der Primar- und Sekundarstufe verunmöglichen jedoch eine professionelle Umsetzung dieses Konzepts. Das «Eintauchen ins Sprachbad», also die Fremdsprache möglichst oft zu hören, ist unmöglich. Der Erwerb der Fremdsprache soll möglichst authentisch geschehen; aber dabei wird vernachlässigt, dass ein Kleinkind dieses «Sprachbad» täglich erlebt, weil es in seinen Alltag integriert ist. Schüler der Primar- oder Sekundarstufe I können aber mit nur 2-3 Wochenlektionen Französisch diese Sprache nicht auf die gleiche Weise erwerben wie ein Kind, das im Alltag mit einer neuen Sprache konfrontiert wird.

Aufgrund der Finanzlage ist es undenkbar, dass die Zahl der Wochenlektionen aufgestockt wird, damit das Konzept zielorientiert und erfolgreich umgesetzt werden kann. Ein weiterer negativer Punkt ist, dass der Wortschatz nicht dem Alltagsgebrauch angepasst ist. Zum Vocabulaire eines Primarschülers gehören etwa Ausdrücke wie «das Stinktier», «die Wasserschwalbe» oder der in Europa beinahe ausgestorbene «Schmutzgeier». Aber in einem Restaurant Essen oder Getränke zu bestellen oder nach dem Weg zu fragen ist weniger wichtig. Ganz bewusst setzen die Autoren auf «möglichst authentische Texte»; vereinfachte Sätze dagegen sind verpönt. Grammatik – das Fundament einer Sprache – wird als notwendiges Übel nebenbei behandelt in der falschen Annahme, die Kinder würden das schon irgendwie intellektuell erfassen und anwenden.

Den Eltern wird nahegelegt, dass man die Primarschulkinder zuhause nicht korrigieren solle; es wird bewusst kein Wert auf korrektes Schreiben gelegt, denn die Sekundarschule soll es dann richten. Die Kinder werden als Versuchsobjekte verwendet, und weder Politiker noch Lehrpersonen trauen sich, etwas dagegen zu unternehmen. Denn Millionenbeiträge sind schon gesprochen und ausgegeben worden, und einen Fehler einzugestehen, wäre falsch.

Lehrpersonen, die die Weiterbildung nicht besuchen, erhalten keine Unterrichtsbewilligung für das Fach Französisch, selbst wenn sie es studiert und mehrere Jahre Unterrichtserfahrung vorzuweisen haben. Aus Angst, keine Anstellung zu erhalten, stimmen sie den Neuerungen fleissig zu. Daher sei eine ketzerische Frage erlaubt: Wie kompliziert oder schlecht muss ein Lehrmittel aufgebaut sein, dass erfahrene Lehrpersonen mit anerkannten Fachdiplomen über 80 Stunden Weiterbildung für die Einführung des neuen Lehrmittels benötigen? Schliesslich ist die Didaktik der Mehrsprachigkeit keine Neuerfindung von «Passepartout».

Wenn man bedenkt, was die Weiterbildungen kosten, die alle Fremdsprachen-Lehrpersonen im Kanton Baselland absolvieren müssen, ist klar, weshalb kein Geld für Schulhaussanierungen vorhanden ist.

Das «Passepartout»-Konkordat läuft 2018 aus; ein Ausstieg wäre also möglich und auch nötig.

Christine Gorrengourt (CVP) erklärt, die CVP/BDP-Fraktion habe zu diesem Thema zwei Meinungen, weil sie beiden Lagern zuhört – demjenigen, das sagt, das Lehrmittel funktioniere und bewähre sich, und demjenigen, das auf Probleme verweist.

Ein allgemein anerkanntes Problem sind die Weiterbildungen, die immer wieder – auch in der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission – thematisiert werden.

Auch viele Menschen, die mit den früheren Lehrmitteln Französisch gelernt haben, haben Mühe, sich in dieser Sprache zu unterhalten; im Fall von Christine Gorrengourt liegt das aber nicht am Lehrmittel, sondern der Lehrer hat ihr, weil sie « tre» nicht richtig konjugieren konnte, beschieden, sie sei eine «kreuzdumme Mätz» und habe ein Gedächtnis wie ein Sieb. [Raunen] Das hat sie damals dazu bewogen, bei der Sitznachbarin abzuschreiben. Das Duo hat gut harmoniert: Die eine konnte Mathe, die andere Französisch.

Der Landrat besteht aus 90 Expert(inn)en. Vielleicht könnte man beim nächsten Mal einen grossen Tisch in die Mitte des Saales stellen, und jedes Mitglied sucht sich das Lehrmittel aus, das ihm am besten passt. Am Schluss wird diskutiert, und an einer Wand wird mit einer Strichliste festgelegt, welches Lehrmittel ausgewählt wird, und dann hofft man, es sei auch wirklich das richtige. Soll das wirklich so laufen? Soll man nicht gescheiter mit den anderen «Passepartout»-Kantonen bei der FHNW Nachbesserungen in Auftrag geben als ein Sonderzüglein zu bilden? Wozu gibt es eine Pädagogische Hochschule, wo die Lehrkräfte der Partnerkantone gemeinsam ausgebildet werden, wenn man doch immer wieder den Alleingang will?

Die Motion ist nach Meinung der Mehrheit der CVP/BDP-Fraktion abzulehnen. Der Regierungsrat hat zurecht einen kritischen Blick, und Nachbesserungen am «Passepartout»-Konzept sind nötig – aber gemeinsam mit den anderen Kantonen.

Paul R. Hofer (FDP) findet die Motion in der Sache gerechtfertigt, denn in der Frage, ob «Passepartout» ein qualifiziertes, gutes, brauchbares Lehrmittel sei, haben jene, die es für unbrauchbar halten, absolut recht. Dieses rund 8 kg schwere Lehrmittel, das 8- bis 10-jährige Kinder in ihren Rucksäcken herumschleppen müssen, taugt nichts.

Zufällig hat Paul R. Hofer kürzlich eine grössere Privatschule besucht und sich dort nach dem Französisch-Lehrmittel erkundigt. Der Rektor antwortete, sie hätten «Passepartout» bestellt in der Meinung, das sei etwas Neues, Tolles; aber bald wurde festgestellt, dass das Lehrmittel unbrauchbar sei, und es wurde weggeschmissen. Das ist den Staatsschulen nicht möglich.

In der Sache hat die Motionärin also recht. Aber man muss auch der Direktion eine gewisse Freiheit zugestehen und ihr die Chance zur Einsicht und zur Vornahme von Korrekturen geben, kurz: ihr nicht zu viele Fesseln anlegen. Deshalb hat die FDP-Fraktion nach langer Diskussion beschlossen, den Vorstoss als Postulat zu unterstützen, nicht aber als Motion.

Linard Candreia (SP) beobachtet, dass ein Lehrmittel schlecht geredet wird, dass Prozesse gestoppt werden sollen und dass man vieles in den Schulen schlechtredet und Unfrieden stiftet. Gerade heute ist in der «bz» ein toller Artikel vom reformierten Sissacher Pfarrer Matthias Plattner erschienen, in dem es heisst: «Lasst die Schule lieber in Frieden! Reformschritte hier und Marschhalte dort gehen Hand in Hand. Der eine zieht aus, und der andere bremst. Das politische Gezerre und Gewürge kostet die Kantone Millionen und bringt den Schulen wenig bis nichts.» Neuerungen muss man Zeit geben – «dar tempo al tempo», wie die Italiener sagen –, es braucht Geduld und nicht noch mehr Unruhe.

Jan Kirchmayr (SP) lobt die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion, weil sie in ihrer Stellungnahme beweist, dass sie nicht wegschaut, sondern «Passepartout» evaluieren lässt. Wichtig ist, dass diese Evaluation gründlich und transparent gemacht wird und dass alle Betroffenen – also auch Berufsverbände und Gewerkschaften – einbezogen werden.

Es ist eine Zwängerei, wie viele Vorstösse und Initiativen zu diesem Thema eingereicht werden. Weshalb kann nun nicht einfach der Volksentscheid über die Initiative abgewartet werden?

Es wird nur auf das Französische geschossen, dabei gehört das Englische genau gleich zum «Passepartout»-Konzept. In den Umfragen schliesst Englisch mit seinem Lehrmittel «New world» deutlich besser ab; es geht also um ein Französisch-Bashing anhand des Lehrmittels «Mille feuilles». Dabei können viele, die mit «Bonne chance» Französisch gelernt haben, diese Sprache auch nicht wirklich gut. Es liegt also nicht alles nur am Lehrmittel.

Pascale Uccella hat recht mit ihrer Kritik an der zu geringen Stundendotation für die Fremdsprachen; eine höhere Dotation und mehr Halbklassenunterricht wären sehr wünschenswert, und dort muss man ansetzen.

Florence Brenzikofer (Grüne) stellt fest, dass Wunschdenken und Wirklichkeit tatsächlich, wie es im Motionstitel steht, weit auseinander klaffen. Der Vorstoss und einige der vorangegangenen Voten enthalten Formulierungen und Behauptungen, die einfach nicht stimmen.

Es wird nicht einfach weggeschaut, Kritik wird geäussert, und die Schwachpunkte der Lehrmittel – «Mille feuilles» auf der Primar- und «Clin d’ il» auf der Sekundarstufe I – sind erkannt. Deshalb sind die Weiterbildungen angepasst worden.

Florence Brenzikofer unterrichtet auf der Sekundarstufe I Französisch und kennt «Clin d’ il» daher sehr gut.  Sie absolviert die Weiterbildung dazu und erklärt, an Paul Hofer gerichtet, dass die Schülerinnen und Schüler nicht mit dem ganzen Paket herumlaufen müssen, sondern nur ein kleines Magazine in ihrem Schulsack haben; der Rest der Unterlagen bleibt im Schulzimmer oder zuhause.

Die Weiterbildung ist angepasst worden, und der zweite Durchgang zeigt, dass es – auch auf der Primarstufe – heute deutlich besser läuft. Es war an der Zeit, das über zehnjährige, nicht mehr zeitgerechte und nicht schülernahe Französisch-Lehrmittel «Envol» abzulösen. Als dieses damals das Lehrmittel «Bonne chance» ersetzte, gab es einen riesigen Aufschrei, und es hiess, mit diesem Lehrmittel könne man nicht arbeiten – und dann ging es doch... Das passiert nun wieder. Was die Schule braucht, ist Zeit für eine saubere Evaluation und eine Anpassung der kritischen Punkte.

Der Regierungsrat hat in seiner Stellungnahme festgehalten, dass grundlegende Entscheide noch nicht jetzt gefällt werden können, weil das den Schulen und den Schüler(inne)n mehr schaden als helfen würde. Deshalb ist die Motion abzulehnen.

Paul Wenger (SVP) hat eine Frage an die Bildungsdirektorin: Hätte man nicht all die genannten Vorstösse verhindern können, wenn der Vorstoss 2015-075 von Caroline Mall irgendwann einmal bearbeitet worden wäre? Der Vorstoss verlangte Lehrmittelfreiheit auch an den Sekundarschulen. Würde diese gewährt, könnte man im Einzelfall parallel zu Lehrmitteln wie «Mille feuilles» und anderen auch weitere Lehrmittel einsetzen, die vielleicht spezifisch für die betreffende Klasse geeignet wären. Das ist heute praktisch nicht möglich.

Es wird berichtet, dass «Mille feuilles» bestimmt für die 10-15% der besonders sprachbegabten Kinder ein gutes Lehrmittel sei. Aber die Ziele sollten sich nicht an den Allerbesten ausrichten, sondern 70-80% der Schüler/innen sollten am Ende der Volksschule so weit sein, dass sie sich in einfachen Konversationen behaupten können. Mit «Mille feuilles» ist das aber offenbar nicht möglich.

Die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion sollte deshalb dringend den Vorstoss von Caroline Mall endlich behandeln; so könnte die Diskussion nämlich möglicherweise entschärft werden. Solange das nicht geschieht, ist die nun vorliegende Motion zu unterstützen.

Oskar Kämpfer (SVP) schätzt die bildungspolitischen Diskussionen im Landratssaal nicht einmal ansatzweise und erklärt gegenüber Christine Gorrengourt, Landräte müssten nicht Bildungsfachleute werden. Aber wenn sich Politiker engagieren zu Fragen, die eigentlich an übergeordneter Stelle gelöst werden sollten, ist das ein Zeichen dafür, dass sie wohl eben nicht gelöst sind. Im Gegenteil besteht ein riesiges Unbehagen. Natürlich kann man jetzt sagen, man solle noch ein paar Jahre warten. Aber dieser Ansatz entspricht wohl nicht den Bedürfnissen der Kinder. Die Motion ist ein weiterer Hinweis an den Regierungsrat, dass hier wirklich Feuer im Dach ist.

Wenn der Regierungsrat nicht in der Lage ist, Änderungen herbeizuführen – weil beispielsweise ein übergeordnetes Konkordat wie HarmoS das verbietet –, dann soll er das einmal offen darlegen. Tut er das aber nicht, muss

er einfach damit leben, dass Landrätinnen und Landräte eine bessere Ausbildung der Kinder verlangen. Weil diese zur Zeit nicht gewährleistet ist, gilt es, Druck zu machen. Parlamentarier sind keine Fachleute, aber sie können die Verantwortlichen dazu zwingen, Veränderungen vorzunehmen, wo diese nötig sind. Und im Bildungsbereich sind solche Veränderungen offensichtlich nötig – sonst würde darüber nicht immer so lange debattiert.

Landratspräsident Philipp Schoch (Grüne) begrüsst auf der Zuschauertribüne ganz herzlich die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rates des Kantons Bern unter der Leitung ihres Präsidenten Peter Siegenthaler, die sich heute mit der landrätlichen GPK zu einem Erfahrungsaustausch trifft, und wünscht ihr interessante Einblicke in die Arbeit des Baselbieter Parlaments. [Applaus]

Andrea Heger (EVP) betont, die Motion basiere auf einer Untersuchung unter den Primar- und Sekundarlehrkräften, die gerade den ersten Jahrgang mit den neuen Lehrmitteln hinter sich gebracht haben. Arbeitet man schon etwas länger damit, kennt man die Schwächen und Stärken des Lehrmittels und reagiert in der Unterrichtsgestaltung darauf.

An der Umfrage teilgenommen haben viele Lehrpersonen, die noch gar nicht für den Lehrplan 21 geschult waren, sondern sich noch am alten Lehrplan orientierten. Kein Wunder, gab es so schlechte Resultate. Diese zeigen, dass Probleme und Mängel bestehen, die behoben werden müssen. Aber die Motionärin zieht falsche Schlüsse aus den beschriebenen Zuständen: Sie will aus «Passepartout» aussteigen, wo doch durch dieses Zusammengehen der Kantone gerade Synergien genutzt und Lehrmittel gemeinsam entwickelt werden können, was auch Kosten spart. Steigt Baselland aus «Passepartout» aus, ist das auch ein Ausstieg aus dieser gemeinsamen Arbeit, und der Nutzen entfällt fürs Baselbiet. Man sollte nicht «Passepartout» abschiessen, sondern sich fragen, was am Lehrmittel verbessert werden kann.

Nicht alles, was im Lehrmittel steht, entspricht den Vorgaben des Lehrplans; es gibt also Anpassungsmöglichkeiten. Das weiss der Regierungsrat und er handelt entsprechend; die Motion will aber viel mehr.

Balz Stückelberger (FDP) wendet sich an Florence Brenzikofer wegen ihrer Bemerkung, es laufe jetzt besser.  Das kann er aus eigener Erfahrung bestätigen: Bei seinem Sohn, der zum ersten Jahrgang gehört, war die Bilanz verheerend. Beim jüngeren Sohn läuft es besser. Aber das liegt nicht daran, dass das Lehrmittel verbessert worden wäre, sondern nur daran, dass die Lehrpersonen sich nicht mehr daran halten und es mit eigenen Unterlagen ergänzen. Das kann es ja nicht sein!

Dass die Lehrkräfte diesen Weg eingeschlagen und so zu einer Besserung beigetragen haben, ändert nichts an der eigentlichen Bankrotterklärung. Diesem Lehrmittel muss der Stecker gezogen werden. Das kann allerdings auf geordnetem Weg, nach Vorliegen der Evaluation, geschehen. Denn es ist eh schon zu spät: Es gibt einen verlorenen Jahrgang – ob es am Schluss einer, zwei oder drei sind, ändert nichts daran, dass die Bilanz dieses Lehrmittels absolut verheerend ist.

Marc Schinzel (FDP) erwartet namens der FDP-Fraktion eine saubere Evaluation. Dafür soll sich Regierungsrätin Monica Gschwind die nötige Zeit nehmen können. Denn der Entscheid, der danach gefällt wird, ist so oder so folgenschwer. Darum muss er sorgfältig begründet werden können. Einzelstudien sind dafür gut, aber nicht ausreichend.

Die Diskussion wird – nicht nur im Baselbiet, sondern gesamtschweizerisch – zu stark unter dem Titel der nachbarschaftlichen Solidarität geführt: Weil man ein Konzept mit anderen Kantonen zusammen entwickelt hat, möchte man diese jetzt nicht vor den Kopf stossen. Das kann aber nicht das Kriterium sein. Das einzige, was zählt, sind gute Resultate: Können die Schüler/innen gut französisch? Wenn die Antwort Nein ist, muss man den Mut haben, den Stecker zu ziehen.

Dass man mit anderen Kantonen zusammen in einem Boot sitzt, rechtfertigt nicht alles. Denn wenn das Boot leck ist und langsam untergeht, nützt es niemandem, denn davon kann keiner besser französisch.

Regierungsrätin Monica Gschwind (FDP) verwahrt sich gegen Balz Stückelbergers Behauptung eines «verlorenen Jahrgangs» und fragt in die Runde, wer denn nach der 3. Sekundarschulklasse wirklich französisch sprechen konnte. [Einige Hände gegen in die Höhe.] Es waren ein paar, aber nicht sehr viele. Das Resultat ist etwa das gleiche wie heute und auch wie in der Zukunft.

In der Volksschule soll man Französisch und Englisch lernen, ohne dass man den Anspruch hat, es perfekt zu können; sondern man muss sich durchschlagen können und allenfalls sogar ein bisschen Freude an der Sprache  bekommen. Will man eine Fremdsprache wirklich beherrschen, muss man in den weiterbildenden Schulen dranbleiben, möglicherweise Immersionsunterricht belegen oder sogar einen Aufenthalt im Sprachgebiet planen. Das Ziel kann nicht sein, dass jemand nach der 3. Sek perfekt französisch kann.

Regina Werthmüller behauptet, «sämtliche Umfragen» belegten, dass in allen Kantonen «Passepartout» bzw. die Mehrsprachendidaktik gescheitert seien. Diese Behauptung kann man so nicht stehen lassen. Umfragen in den einzelnen Kantonen unter den Lehrkräften, die mit diesem Lehrmittel arbeiten, wurden teilweise durchgeführt, nachdem sie noch nicht einmal ein einziges Semester damit unterrichtet hatten. Die Umfragen werden ernst genommen, aber die Einführungsphase braucht Zeit und stete Verbesserungen.

Es kann keine Rede davon sein, dass «weggeschaut» wird: Es konnten schon viele Verbesserungen angestossen wie etwa ein Wortschatz von 500 Wörtern aus dem Alltagsbereich. Die Weiterbildungen wurden gekürzt und angepasst. Es besteht ein ständiger Austausch mit Verbänden und Schulleitungen. Nächstens erscheint eine Umsetzungshilfe für Primar- und Sekundarschul-Lehrpersonen. Auch die Fachlehrkräfte sollen Gehör bekommen, so dass mit ihnen das Lehrmittel verbessert werden kann. Zur Zeit wird die Vorlage zur Initiative erarbeitet, so dass sie noch vor den Sommerferien erscheinen kann. Weiterer Druck durch noch mehr Vorstösse ist schlicht nicht nötig.

Die Motion ist abzulehnen. Sollte der Vorstoss als Postulat überwiesen werden, würde es halt einfach auch noch in der Vorlage zur Initiative beantwortet; an der Situation würde sich nichts ändern.

Bevor man wirklich behaupten kann, «Passepartout» sei gescheitert, bedarf es einer seriösen Evaluation. Umfragen sind dafür zu wenig seriös. Sie sind zwar ernst zu nehmen, aber es bedarf einer sauberen Abklärung, wo die Schüler/innen wirklich stehen. Zur Zeit wird das gerade bei den Sechstklässler(inne)n getestet; der Bericht dürfte in etwa einem Jahr vorliegen. Wenn diese Sechstklässler die Sekundarstufe I abschliessen, also 2020, werden sie wieder getestet, und daraufhin erscheint 2021 der Gesamtbericht. Zuvor kann nicht seriös festgestellt werden, ob ein Lehrmittel «gescheitert» ist.

Die Erziehungsdirektorenkonferenz evaluiert, ob die Schülerinnen und Schüler schreiben und lesen können, und die sechs «Passepartout»-Kantone erheben, ob sie sprechen können. Es ist also eine Evaluation, die über die «Passepartout»-Region hinaus geht. Die Auswertung in diesen sechs Kantonen ist einem sehr seriösen Institut übertragen worden.

In das «Passepartout»-Projekt wurde sehr viel investiert, und zwar nicht nur finanziell, sondern auch personell; die Lehrkräfte haben unglaublich viel geleistet, um sich entsprechend zu bilden, damit sie Französisch ab der 3. und Englisch ab der 5. Klasse unterrichten können. Deshalb muss man sehr gut überlegen, ob man all das einfach mit einem einzigen Federstrich ausser Kraft setzen will. Das Lehrmittel hat, wie alle wissen, Mängel; aber daran lässt sich arbeiten, und zwar zusammen mit den Fachlehrkräften.

Tatsächlich ist das angesprochene Postulat zur Lehrmittelfreiheit noch nicht beantwortet. Die Festlegung von Lehrmitteln ist Aufgabe des Bildungsrates. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Lehrplan, mit Stundentafeln usw. Die Erarbeitung der Vorlage zum Postulat steht auf dem Programm, zumindest in Form eines Zwischenberichts.

Balz Stückelberger hält es für ein Armutszeugnis, dass Lehrmittel mit eigenem Material ergänzt werden muss – das ist aber ganz normal: Jeder Lehrer bringt in seinen Unterricht Zusatzmaterial ein, und das ist auch ausdrücklich gewünscht.

Regina Werthmüller (parteilos) erklärt auf Anfrage von Landratspräsident Philipp Schoch (Grüne), sie halte an der Motion fest.

Jürg Wiedemann (Grüne-Unabhängige) hat eine Frage, um deren Beantwortung möglichst mit «Ja» oder «Nein» er Regierungsrätin Monica Gschwind bittet: Ist es zulässig, dass die Lehrpersonen ein ergänzendes Lehrmittel begleitend zu «Mille feuilles» einsetzen?

Regierungsrätin Monica Gschwind (FDP) antwortet mit «Jein». [Gelächter]  Ergänzendes Unterrichtsmaterial kann eingesetzt werden.

://: Die Motion 2017/100 wird mit 45:26 Stimmen bei einer Enthaltung abgelehnt.

[Namenliste]

 

Für das Protokoll:
Alex Klee-Bölckow, Landeskanzlei