Protokoll der Landratssitzung vom 25. Februar 2016

Nr. 516

Landratspräsident Franz Meyer (CVP) informiert, dass der Regierungsrat die Motion ablehnt.


> Begründung des Regierungsrats


Regina Werthmüller (parteilos) verweist auf die Antwort der Regierung und den darin enthaltenen Vorwurf, es handle sich um eine Fehlinformation, dass im Kanton in Zukunft mehr Grossraumklassenzimmer geschaffen würden. Von Muttenz ist der Motionären bekannt, dass es die Gemeinde versucht, es jedoch nicht bewilligt wurde. Es ist ihr ein ähnliches Unterfangen auch von einer anderen Gemeinde bekannt. Vielleicht ist das der Regierung entgangen.


Die Votantin ist mit dem Entscheid der Regierung, ihre Motion abzulehnen, nicht einverstanden. Grossraumklassenzimmer zu schaffen ist eine Ideologie, die man möchte - oder nicht. Lernlandschaften mit 60 Schüler/-innen und mehr führen zu Bildungsabbau und sind teuer. Sie verursachen einen Schulraumbedarf, der um einen Drittel grösser ist als beim traditionellen Unterricht - und dies ohne bildungspolitischen Mehrwert.


Man hat das Gefühl, dass die Methode des selbstorganisierten Lernens jene Form ist, die man eigentlich unterrichten möchte. Es ist aber eindeutig: Kinder, die mit dem selbstorganisierten Lernen überfordert sind, haben keinen Zugang mehr zu anderen Lernmethoden. Sie verlieren rasch den Anschluss und werden demotiviert. Lehrpersonen treten nur noch in relativ kurzen Fachinputs als fundiert unterrichtende Pädagogen auf. Sie werden zunehmend zu Lerncoaches, die die Kinder nur noch beobachten, begleiten und beraten. Und zwar während eines Drittels ihrer Unterrichtszeit. Damit wären sie also von den 34 Schulstanden mindestens 10.5 Stunden für sich am arbeiten, während die Lehrer als Lerncoaches unterwegs sind. Möchte man das wirklich? Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation an der Universität Zürich, sagt dazu pointiert: «Studien haben gezeigt, dass gute Schüler vom Modell profitieren, während schwächere Gefahr laufen, unterzugehen.» Und weiter: «Es ist die Abwechslung, die den Unterricht interessant macht. Und guter Frontalunterricht ist immer noch etwas vom effektivsten.»


Diese neue Unterrichtsmethode mit den Lernlandschaften, die oft als konstruktivistische Lehrmethode («Unterricht ohne zu unterrichten») bezeichnet wird, wird zunehmend als die einzige richtige Methode verkauft. Der Lehrer darf immer weniger in einem kreativen, motivierenden Klassenunterricht den Schülern Wissen gemeinsam beibringen, sondern jeder Schüler bestimmt selber, eben selbstorganisiert, was, wie und wann er lernt und ob er überhaupt etwas lernen will. Der Lehrer wird zum Lerncoach degradiert, der Arbeitsblätter verteilt und optimale «Lernumgebungen» schafft. Der Schüler arbeitet nur noch Arbeitsblätter ab. Die Chancengleichheit wird ausgehebelt, die Weichen werden gestellt.


Gute Schüler können effektiv und effizient arbeiten, schwächere kommen vielleicht gar nicht mehr vorwärts. Allan Guggenbühl sagte sinngemäss dazu, dass die aktuellen Reformen nicht von der Basis stammen, sondern von oben herab, von der Erziehungswissenschaft, der Schule aufgezwungen werden und ideologisch geprägt sind. In der Theorie klingt vieles sehr gut, in der Praxis läuft es jedoch anders. Die Schüler verlieren die Orientierung. Speziell in diesem Alter, der pupertären Phase, brauchen Jugendliche klare Leitfiguren, welche ihre Entwicklung bewusst und aufmerksam begleiten. Lehrer sind in der Zeit, in der sie die Schüler begleiten, nicht mehr in der Lage, Krisen frühzeitig zu erkennen. Eine mögliche Folge davon kann Unruhe auslösen oder bei Problemen das Abtauchen in die Abgeschiedenheit befördern. Bereits heute ist die Heterogenität in einzelnen Klassen sehr gross. Gibt es aber erst einmal Lernlandschaften, wird es sehr teuer, diese wieder rückgängig zu machen.


Die Regierung begründet, dass klassenübergreifende Projekte nicht mehr möglich sind, wenn die Klassengrösse beschränkt ist. Projektarbeiten sind immer speziell, dafür können auch Gesuche eingereicht werden. Fällt ein Lehrer aus, bleiben die Schüler in ihren Klassenzimmern und werden so betreut. Die Begründung ist also nicht nachvollziehbar.


In diesem Sinne bittet die Motionärin, den Vorstoss zu überweisen.


Roman Brunner (SP) sagt, dass sich die SP-Fraktion der Regierungsbegründung anschliesse und die Motion ablehne. Lernlandschaften und alternative Lernformen sind eine wertvolle Ergänzung zum Unterricht und eine Möglichkeit, diesen zu gestalten. Erwiesenermassen entsprechen nicht alle Schüler demselben Lerntyp, weshalb eine Methodenvielfalt wünschenswert ist. Mit dem Ziel der Motion wird diese Möglichkeit verbaut. Grossraumklassenzimmer sind keine Ideologie, wie Regina Werthmüller meint. Es handelt sich um eine alternative Lern- und Unterrichtsform. Schülerinnen und Schüler werden nicht alleine gelassen, sondern werden von der Lehrperson als Lerncoach begleitet und betreut. Das erlaubt ihr, sehr viel individueller auf die Schülerinnen und Schüler einzugehen. Ausserdem enthält die Motion falsche Annahmen. Zitat: «Faktisch bedeutet dies eine Abschaffung eines nach Schwierigkeit getrennten Unterrichts, geplante Mischung der Niveaus und eine beabsichtigte schleichende Aufhebung der drei Leistungsniveaus.» Dies war aber nie die Idee hinter den Grossraumklassenzimmern und fand so auch nicht statt. Der Bildungsrat betonte zudem mehrfach, an den Leistungsniveaus festhalten zu wollen.


Kostenspieliger Schulhausausbau, wie in der Motion erwähnt, dient primär der Erdbebensicherheit. Er wurde also nicht extra für das Klassenzimmer gemacht, sondern das Pilotprojekt wurde im Rahmen einer ohnehin anstehenden Sanierung durchgeführt. Die Motion ist deshalb nicht sorgfältig vorbereitet. Sie enthält falsche Annahmen, ist inhaltlich falsch und wird deshalb von der SP-Fraktion nicht unterstützt.


Caroline Mall (SVP) meint, dass es durchaus so sein könne, dass die von ihrem Vorredner Roman Brunner bestrittene Ideologie für einzelne Schülerinnen und Schüler passt. Redet man aber von 60-80 Schülerinnen, ist das wohl eher ein marginaler Teil. Die Votantin sträubt sich nicht gegen Neues im Bildungssystem. Aber 60 bis 80 Schüler in einem Raum: Wie hoch mag der Anteil jener sein, die es gewohnt sind, alleine an einem Pültchen zu sitzen und zu arbeiten, links und rechts eine Klappe, vorne sechs Coaches? Für einen marginalen Teil mag dies klappen. Aus pädagogischer Sicht aber fördern Lernlandschaften die Bezugslosigkeit von Lehrpersonen zu Schülerinnen und Schülern. Jene aber, die dieser Ideologie nicht gewachsen sind, können in der Tat in der Anonymität versinken. Das kann nicht zielführend sein und vor allem nicht zu einer besseren Bildungsqualität führen. Vorerst ist die Rede (zum Glück) nur von der Sek-Stufe. Eine Ausdehnung auf die Primarstufe wäre der nächste Schritt zur Einführung der Ideologie. Auf dieser Schulstufe lässt sich heute, in Gottes Namen, noch nicht über Grossklassenräume reden. Das gibt es erst später, wenn man an der Universität ist. Dort handelt es sich aber um Personen, die bereit dazu sind, z.B. in einem Hörsaal, sich interessiert Wissen vermitteln zu lassen.


Fehlentwicklungen werden bei Kindern durch Lernlandschaften nicht korrigiert, sondern verstärkt. Besonders problematisch ist, dass die Lehrperson als Bezugsperson abgezogen wird. Ein isoliertes Lernen kann vorab für mittlere und schwächere Schülerinnen und Schüler nicht zielführend sein, da sie ihr Potential so nicht ausschöpfen können. Der Landrat sollte stattdessen viel eher darüber nachdenken, wie auf Sekundar- und Primarstufe die Kinder auf ein selbstständiges Arbeiten vorbereitet werden können. Die Votantin hat eine Tochter in der 3. Klasse. Es ist heute schon zu spüren (anders noch als bei ihrer 19-jährigen Tochter), wie man sich bemüht, in Gruppenarbeiten selbstständig zu arbeiten. Für einen Teil mag dies hervorragend funktionieren. Andere jedoch sind verloren.


Die SVP-Fraktion wird an der Motion festhalten. Man sollte offen dafür sein, gewisse Vorstösse zu überweisen, um eine Basis zur Diskussion zu haben. Was man nicht darf: Die Situation sakrosankt stehen zu lassen, weil die Entwicklung insgesamt deutlich in die Richtung geht (Stichwort Lehrplan 21). Für die Kinder sollte es einem wert sein, den guten Vorstoss von Regina Werthmüller zu überweisen.


Sabrina Corvini-Mohn (CVP) sagt, dass über Lernlandschaften und Grossraumklassen bereits viel zu hören war. Die Bildungskommission hat es deshalb unternommen, dies einmal vor Ort anzuschauen. Dazu genoss man einen ganzen Nachmittag in der Sekundarschule Frenkendorf Gastrecht, wo sich der Betrieb in einem Grossraumklassenzimmer beobachten liess. Was man dort gesehen hat, deckt sich bei Weitem nicht mit dem, was hier zu hören war. Es ist nicht so tragisch, wie man nach dem Gehörten vermuten muss. Ganz im Gegenteil.


Angetroffen wurde ein Team von motivierten Lehrpersonen, die das Konzept der Lernlandschaft, wie es dort nun funktioniert - es lässt sich nicht 1:1 übernehmen, sondern wird am jeweiligen Ort gelebt -, in den Sommerferien, in der Freizeit auf die Beine gestellt hat. Es sind also nicht frustrierte oder unglückliche Lehrpersonen, die nur noch als Coach funktionieren. Diese hochmotivierten Leute dürfen auch einmal erwähnt werden. Denn das Bild, das man in diesem Kanton mittlerweile von den Lehrpersonen hat, entspricht definitiv nicht dem, was von der Mehrheit gelebt wird. Es handelt sich um wirklich engagierte Leute, die ihre Arbeit gerne tun. Angetroffen wurden Jugendliche vom Niveau A (also eher lernschwache Jugendliche), die einen Nachmittag lang intensiv mitgearbeitet hatten. Bei diesem System ist es auch nicht möglich, durch dieses Netz hindurch zu schlüpfen, weil es ziemlich engmaschig geführt und die Kontrolle da ist. Die Jugendlichen hatten gar keine Möglichkeit, abzudriften oder in einer Ecke zu sitzen und Däumchen zu drehen.


Auch die CVP/BDP-Fraktion ist kein grosser Fan von Grossklassen. Wenn aber vor Ort ein Team anwesend ist, das die Ideen motiviert umsetzt, wenn es bildungsgesetzkonform ist und zudem von der Schulleitung unterstützt wird, sollte der Landrat keine Barrieren errichten und dadurch die Motivation brechen. Es ist auch etwas fraglich, auf welcher Flughöhe man hier diskutiert. Die Votantin verzichtet darauf, über Unterrichtsformen eine pädagogisch-didaktische Auslegung zu machen. Es liegt nicht am Landrat, das zu tun. Gäbe es nämlich diese Unterrichtsform, die für alle Kinder funktionieren würde, wäre es einfach. Doch diese gibt es nicht. Deshalb soll einem solchen Projekt mit solchen Möglichkeiten und Chancen der nötige Raum gelassen werden.


Die CVP/BDP-Fraktion lehnt deshalb sowohl Motion als auch Postulat ab.


Andrea Heger (EVP) sagt, dass die Fraktion der Grünen/EVP viele Anliegen aus dem Vorlagentext wie auch die Ausführungen von Regina Werthmüller oder Caroline Mall versteht. Es sind viele Leute in einem Raum, was nicht für alle einfach ist. Und der Bezug zur Klassenlehrperson muss vorhanden sein. All dies ist ganz klar. Die Fraktion ist auch gegen eine Auflösung der drei Leistungszüge. Man muss auch genau anschauen, ob man nur in Grossräumen unterrichten darf. Trotzdem finden die Grünen/EVP, dass es nicht nötig ist, eine solch grosse Angst davor zu haben, es würde sich alles nur noch in diese Richtung bewegen. Der Landrat kann ja auch bei den niveaugetrennten Unterrichtsversuchen noch reagieren. Bei den Umbauten, die in der letzten Zeit auf den Tisch kamen, waren Grossräume ja eigentlich nicht das Thema. Deshalb sollte die Motion abgelehnt werden. Die Gesetzesstufe ist die dazu falsche Ebene.


Paul R. Hofer (FDP) findet, dass Verzicht ein sehr absolutes Wort ist. Deshalb kam die FDP-Fraktion heute morgen zum Schluss, eine Motion auf Verzicht von Grossraumklassenzimmern nicht zu unterstützen. Wenn aber dies in ein Postulat umgewandelt würde, wäre vielleicht die Flughöhe des Entscheidens dem Landrat wiederum nicht ganz angemessen. Es ist denkbar, dass innerhalb der FDP etwa die Hälfte für bzw. gegen ein Postulat ist. Ganz einig ist man sich in dieser Frage noch nicht. Ganz sicher einig ist man sich, dass ein Verzicht zu absolut ist.


Christoph Hänggi (SP) möchte nur noch kurz darauf hinweisen, worüber man abstimmen wird: «In Promotionsfächern dürfen in einem Unterrichtsraum gleichsam nicht mehr Schülerinnen und Schüler unterrichtet bzw. betreut werden als die gemäss § 11, Abs. 1, lit. a bis f. festgelegte Maximalzahl der Klassengrösse.» So etwas soll nun gemäss Motion im Gesetz geregelt werden. In der letzten Zeit wurde über Lehrpläne, Stundentafeln und Lehrmittel geredet. Und nun redet man noch über die Grösse der Klassenzimmer und Anzahl der Schülerinnen und Schüler. Und alles möchte man per Gesetz regeln, alles soll auf Gesetzesebene oder sogar auf Verfassungsstufe gehoben werden.


Der Votant bittet, die Motion abzulehnen. Es ist nicht der richtige Ort, dies festzuschreiben. Eigentlich sollte man auch aufhören, sich immer wieder in Bildungsdiskussionen zu vertiefen, ohne eine vertiefte Kenntnis davon zu haben, wovon man überhaupt redet. Im genannten Pilotprojekt z.B. passierte nur etwa ein Drittel der Stunden in einem Klassenverbund. Es sind auch nicht 80 oder 90 Schülerinnen, sondern vielleicht zwei Klassen, die zusammenarbeiten. Das wurde schon vor 40 Jahren so geregelt, als der Votant selber noch ans Gymnasium ging. Auch damals gab es Projektarbeiten mit einer anderen Klasse. Und es war schon damals kein grosses Problem; die Matur hat der Votant auf jeden Fall trotzdem geschafft.


Die Verantwortlichen sollen ihre Freiheit im Bildungsraum haben, sowie die Möglichkeit, mit den neuen Modellen zu experimentieren. Es macht keinen Sinn, alles einzuschränken, die Klassengrösse oder sogar die Fenstergrösse der Klassenzimmer zu bestimmen usw. Die bürgerliche Regierung lehnt den Vorstoss ab, und der Votant bittet das Parlament, es ihr gleichzutun und zu schauen, wie sie in den nächsten Jahren damit umgeht. Sogar Monica Gschwind ist für eine Ablehnung. Wer, wenn nicht die bürgerlichen Parlamentier, soll sie unterstützen?


Simone Abt (SP) kann sich diesem Aufruf nur anschliessen. Monica Gschwind weiss haargenau, weshalb sie gegen den Vorstoss ist. Sie durfte nämlich zusammen mit dem Bildungsrat, dem die Sprecherin die Freude hat anzugehören, die Sekundarschule in Pratteln besuchen. Es ging der Votantin dabei ähnlich wie Sabrina Corvini. Hingegen traf sie die Zustände, wie sie von Regina Werthmüller kritisiert werden, nicht an. In dem grossen Saal gab es höchstens 30 Arbeitsplätze, sauber abgetrennt in einer Art Kabäuschen, die man nach persönlichem Gusto ausstaffieren kann. Der Raum war nicht voll belegt. Lediglich etwa 20 Schüler waren zugegen. Sie arbeiteten ruhig an ihrem Platz, wirkten dabei ausserordentlich motiviert. Die Lehrkräfte standen beratend zur Seite, Unterhaltungen zwischen Lehrer und Schüler fanden im Flüsterton statt. Niemals kam eine Unruhe auf. Es handelte sich einmal um eine Niveau A-, einmal um eine Niveau E-Klasse.


Die Votantin hatte nicht den Eindruck, dass auch nur einer dieser Schülerinnen und Schüler von einem Frontalunterricht mehr profitiert hätte. Es schien vielmehr eine sehr zuträgliche Unterrichtsform zu sein. Die Sprecherin bittet, den Vorstoss abzulehnen, der darauf abzielt, diese Unterrichtsmethode zu unterbinden.


Paul Wenger (SVP) hält fest, dass er die Bildungsdirektorin und ihre Arbeit schätzt. Trotzdem ist er in diesem Punkt nicht derselben Meinung wie Monica Gschwind. Grossraumklassenzimmer sind nach Überzeugung des Votanten auf lange Frist einer Schülerlaufbahn nicht förderlich. Wenn Christoph Hänggi sagt, er hätte dies schon in seiner Gymnasialzeit erlebt, so ist es für diese Stufe selbstverständlich nicht ausgeschlossen. Die Rede ist hier aber von der Volksschulstufe, der Sekundarstufe I.


Alle kennen den stacheligen Igel. Das Wort Igel steht neu als Abkürzung für die Begriffe Interessengefördertes Erlebnislernen. Spasseshalber lässt sich sagen, dass es sich um ein Wortspiel handelt, das es erst einmal in der Praxis umzusetzen gilt. Der Votant hat zwar diesen Unterricht, den hier u.a. Sabrina Corvini beschrieben hat, nie besucht. Gesehen haben die Besucherinnen aus der Kommission jedoch nur eine Momentaufnahme. Eine Frage, die sich der Votant auch als Lehrperson stellt: Wenn nun die Jugendlichen und Kinder selbstständig arbeiten und ihr Wissen erarbeiten - was macht denn die Lehrperson im Zeitpunkt einer Prüfung? Wie prüft man eine Klasse, die individuell lernt? Hier müsste man sich noch überlegen, wie das umzusetzen wäre, ob die Prüfungen überhaupt fair sind, ob derjenige, der weitergekommen ist, anders geprüft wurde, ob es eine Lernzielbefreiung gibt usw.


Der Votant ist überzeugt, dass mit einer Unterstützung der Motion weitere Formen des Unterrichts keineswegs ausgeschlossen wären. Man solle nicht so tun, als würde damit die Welt untergehen und die Schule Baselland zusammenbrechen. Persönlich ist der Sprecher heute noch gegen eine Vergrösserung der Klassengrössen über das heutige Mass. Aus seiner Erfahrung ist der verteufelte Frontalunterricht, der heute vielfach als mittelalterlich abgetan wird, immer noch ein gutes Element, um den Schülern Wissen und Können beizubringen, auf dem aufbauend sie dann selbstständig lernen können. Dass dieses Wissen selbstständig erarbeitet werden kann, ist zumindest auf gewissen Altersstufen eine Illusion. Damit bittet der Votant, den Vorstoss von Regina Werthmüller zu unterstützen.


Caroline Mall (SVP) findet, dass die Momentaufnahme ein wichtiger Indikator sei. Die Votantin hat auch schon Schulbesuche mit der Bildungskommission gemacht, was immer ein tolles Highlight für die Pädagogen und die Kinderlein ist. Es sind aber immer nur Momentaufnahmen. Die Votantin kann sich vorstellen, dass dieser Unterricht für eine bestimmte Gruppe ein sinnvolles Konzept sein kann. Sie möchte sich neuen Sachen nicht ganz verschliessen und schätzt sich als durchaus offen ein. Sie möchte jedoch keinen Freipass geben, sich in eine Richtung zu bewegen, die auf beiden Seiten mit Ängsten und offenen Fragen gesäumt ist. Könnte man sich darauf einigen, ein Postulat zu überweisen, könnte Regierungsrätin Monica Gschwind, wenn sie denn zugegen wäre, vielleicht schon erste Erfahrungswerte präsentieren. Dann hätten alle etwas davon. Dies nennt man Konsens.


Landratsvizepräsident Philipp Schoch (Grüne) informiert, dass Regierungsrätin Monica Gschwind tatsächlich nicht vor Ort ist. Sie wird jedoch von Regierungsrätin Sabine Pegoraro kompetent vertreten.


Marie-Therese Müller (BDP) ist ziemlich schockiert, was von der einen Seite aufgetischt wird. Die Votantin war selber auch auf Klassenbesuch in Füllinsdorf. Es handelte sich um Niveau A-Kinder, wirklich schwierige Kinder. Sie werden sehr straff geführt, die Lehrer sind stets präsent und können stets angesprochen werden. Vor allem haben die Kinder einen genauen Plan, was sie bis wann können müssen und wann eine Prüfung über welches Thema ansteht. Es ist also nicht so, dass ein Lehrer mit einer Prüfung aus dem Nichts auftaucht. Die Kinder wissen sehr genau, wie sie mit dieser Situation umgehen müssen. Und wenn es Probleme gibt, sind immer mindestens zwei Lehrer im Grossraum anwesend, wo sie die Kinder betreuen, während ein Teil entweder Mathematik oder Sprachunterricht hat.


Die Votantin wollte aber eigentlich auf etwas anderes aufmerksam machen. Sie ist überzeugt, dass es kein Schulsystem gibt, das für alle Kinder passend ist. Es gibt auch kein Lehrmittel, mit dem alle Lehrpersonen gerne arbeiten. Es gibt keine Lehrperson, die allen Stärken und Schwächen der Kinder gerecht wird. Und es gibt keine Schulform, mit der alle Lehrer gerne arbeiten. Es gibt auch keine Lehrperson, die alle Schüler toll findet. Deshalb macht es auch keinen Sinn, Schulfächer, Lehrmittel und Schulformen ins Gesetz zu schreiben oder gar zu verbieten. Es muss doch möglich sein, flexibel auf die einzelnen Bedürfnisse von Schulhäusern, von Lehrerteams einzugehen. Auch ein Lehrplan ist ein Rahmen, den es auszufüllen gilt. Für die Votantin ist wichtig, wo die Klassen nach drei, sechs und neun Jahren stehen müssen. Es wurde ja auch über Harmos abgestimmt; es wäre ein Ziel davon, dass alle an den gleichen Ort kommen.


Die Sprecherin hat das Gefühl, dass in diesem Saal aufgrund einzelner Befindlichkeiten ganze Systeme auf den Kopf gestellt werden. Man beginnt hier über Einzelfächer, einzelne Schulmittel etc. zu diskutieren. Das ist aber nicht die Aufgabe des Landrats. Wichtig sind motivierte Lehrpersonen, die so unterrichten, wie sie sich wohlfühlen und wie es für die Schüler gut ist. Die Votantin ruft dazu auf, hier nicht über einzelne Puzzlesteine zu diskutieren. Dafür gibt es Fachleute. Und ohnehin sollte man mal mit der Reform anfangen, damit sich sehen lässt, was sich bewährt, was nicht. Jetzt, noch vor Beginn, alles auseinander zu nehmen, ist problematisch. Der Landrat ist nicht die Bildungskommission und nicht dazu befugt, über Lehrmittel und Lernmethoden zu diskutieren.


Oskar Kämpfer (SVP) stellt am Zustand dieses Parlamentes fest, dass das Interesse nach dieser langen Diskussion am Sinken ist. Was verständlich ist, weil man ganz unterschiedliche Flughöhen miteinander vermischt hat. Der Votant gehört auch zu jenen, die schon einmal mit einem solchen Grossraumbüro in Berührung gekommen sind. Dies in Zusammenhang mit seinem Job als GPK-Präsident der Subko 5. Das ist aber nicht entscheidend.


Das Parlament hat den Auftrag, dafür zu schauen, dass die Bildungspolitik so gestaltet wird, dass die Schüler am Ende möglichst viel von der Schule profitiert haben. Warum nun hier über eine Einzelmassnahme diskutiert und abgestimmt werden muss, zeigt nur, dass eine komplett falsche Richtung eingeschlagen wurde. Der Votant möchte nicht ins Detail gehen und ergründen, an wem es liegt, dass sich die Lehrer wohl fühlen. Das ist tatsächlich nicht die richtige Flughöhe. Die Flughöhe eines Landrats ist es aber, zu schauen, wie gut die Schüler bei Austritt ausgebildet sind. Was sagen die Studien dazu, wenn ein Schüler mehrere Führungspersönlichkeiten hat, oder nur eine? Die Resultate zeigen relativ klar, dass Schüler, die nur eine Person vor sich haben, in der Regel mit besseren Abschlüssen gesegnet sind. Und das muss das Ziel sein. Wenn man sieht, welchen Nachwuchs die Gewerbler bekommen könnten, stimmt ihn die Entwicklung der letzten Jahre sehr bedenklich. Hier besteht die Aufgabe des Politikers darin, einzugreifen, wenn einzelne Elemente dieses Bildungssystems nicht richtig laufen.


Dies der Stellvertreterin der Bildungsdirektorin mitteilen zu dürfen, ist zwar schön. Es ist aber zu hoffen, dass es dann auch, direkt oder im Protokoll, eins zu eins transportiert wird. Entscheidend ist also nur die Bildungsqualität des Kindes am Ende der ganzen Geschichte. Wenn dabei ein Grossraumklassenzimmer nicht zuträglich ist, ist es falsch, daran festzuhalten. Deshalb wird der Votant den Vorstos überzeugt unterstützen.


Jürg Wiedemann (Grüne-Unabhängige) findet es wichtig, dass in diesem Rahmen nicht argumentiert wird, ob die Unterrichtsform Lernlandschaft nun pädagogisch sinnvoll ist oder nicht. Dies können die Lehrerinnen und Lehrer wesentlich besser beurteilen. Ebenfalls heikel ist, den einen oder anderen Lehrer nach deren persönlichen Meinung zu fragen. Dann kommt es nämlich mal so, mal so heraus. Der Sprecher hat selber mit relativ vielen betroffenen Lehrpersonen gesprochen. In der Tat erhält man verschiedene Antworten. Wenn man hingegen das Thema vertieft, kommt heraus, dass das Modell für die eher schwächeren Schülerinnen und Schüler nicht geeignet ist.


Es geht dem Votanten um zwei entscheidende Punkte, weshalb er die Umbauten ablehnt. Man muss sich bewusst sein, dass Lernlandschaften mehr Schulraum beanspruchen - auch wenn man es in Pratteln versuchte, ohne zusätzlichen Schulraum umzusetzen. In der Zwischenzeit merkte man dort aber, dass es faktisch nicht geht. Es braucht deutlich mehr Schulraum, was zu deutlich mehr Kosten führt. Zweiter Punkt: Hat man einmal die Lernlandschaften, ist in diesen Trakts keine andere Form möglich. Werden in fünf Jahren die Lehrpersonen pensioniert und es kommen neue Lehrpersonen, müssen diese zwingend mit Lernlandschaften unterrichten; methodische Freiheit gibt es nicht. Es wäre absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Lehrperson eine Lernlandschaft in einem Klassenzimmer einrichtet, für die eigene Klasse. Die Lernlandschaft sieht nämlich heute genau so aus: Es sind drei ehemalige Klassenzimmer für drei Klassen und entsprechend viele Plätze, theoretisch 3 mal 24. Der Votant sieht also das Problem vor allem darin, dass man nicht mehr retour gehen kann, wenn die Lernlandschaft einmal eingeführt wurde.


Der Votant könnte auch mit einem Postulat gut leben. Dies gäbe Monica Gschwind den nötigen Spielraum. Vor allem gäbe es auch ein Zeichen gegen aussen, dass mit den Lernlandschaften auch Probleme verbunden sind.


Paul R. Hofer (FDP) wiederholt sich: Ein Verzicht, wie in der Motion gefordert, ist so absolut, dass die FDP-Fraktion diese nicht unterstützen kann. Ein Prüfen und Berichten wäre hingegen denkbar. Der Rat sollte keine abschliessende Meinung fällen, sondern es der Direktion möglich machen, das Anliegen zu prüfen und darüber zu berichten.


Ein Punkt zu den geschilderten Schulbesuchen: Wenn man auf Ansage einen Betrieb oder eine Schulklasse besucht, ist alles sauber geputzt und alle stehen stramm. So sieht das Tagesgeschäft aber kaum je aus. Der Votant würde raten, nun zum Ende der Debatte zu kommen und das Ganze von der Direktion (wo es über 400 Vollzeitstellen gibt und viele gescheite Leute) anschauen zu lassen.


Regierungsrätin Sabine Pegoraro (FDP) erlaubt sich, zu diesem Geschäft nicht als stellvertretende Bildungs-, sondern als Baudirektorin etwas zu sagen. Als Baudirektorin hat sie in Bezug auf das Raumprogramm bei den Schulen gelernt, dass es am besten ist, wenn es aus Sicht der Infrastruktur die grösstmögliche Flexibilität zulässt. Als in den letzten Jahren die Klassen verkleinert wurden, mussten auch die Schulräume kleiner gemacht werden. Plötzlich kamen die Lernlandschaften, was erneut Änderungen nötig machte. In einer paar Jahren kommt wieder eine andere Philosophie, und wieder muss geändert werden. Das ist jedes Mal mit viel Aufwand und Kosten verbunden. Deshalb wäre es falsch, sich auf irgendein Konzept festzulegen, um es ein paar Jahre später wieder zu ändern. Die Baudirektorin bittet im Namen von Monica Gschwind, die Motion abzulehnen.


Landratspräsident Franz Meyer (CVP) fragt Regina Werthmüller an, ob sie an ihrer Motion festhalte.


Regina Werthmüller (parteilos) ist bereit, den Vorstoss in ein Postulat umzuwandeln. Es wäre ihr wichtig, auch das Projekt Horizonte einmal zu evaluieren, um zu schauen, wie gross die Fortschritte der Schüler nach drei Jahren dort sind. Damit dies geschehen kann, bittet die Votantin um Unterstützung ihres Postulats. Man kann nicht einfach einen Wildwuchs wuchern lassen, während eine Reform läuft und dabei Lernlandschaften und andere Ideologien entstehen. Es ist wichtig, das vom Kanton bewilligte Projekt zu evaluieren und die Resultate daraus der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.


Regula Meschberger (SP) wollte zu diesem Thema eigentlich schweigen. Nun hat sie aber Wörter wie Wildwuchs gehört. Die so bezeichneten Innovationen in den Schulen benötigen alle eine Bewilligung der Bildungsdirektion. Dabei von Wildwuchs zu reden ist schlicht jenseits von Gut und Böse. Angesichts der Diskussion stehen der Votantin die Haare zu Berge. Alle verlangen Individualisierung im Unterricht. Auf jedes Kind muss einzeln eingegangen werden. Nun hat man eine Methode gefunden, die genau das tut. Und jetzt soll es plötzlich falsch sein?


Irgend jemand hat gesagt, dass es die ideale Methode für jedes Kind nicht gebe. Es handelt sich aber um eine von vielen Methoden. Wichtig ist doch, dass den Schulen die Freiheit gegeben werden, Methoden auszuprobieren und dafür zu sorgen, dass es verschiedene Methoden gibt, die schliesslich möglichst allen gerecht werden. Der Landrat ist aber schlicht der falsche Ort, um eine Diskussion darüber zu führen. Und die Gesetzesebene ist ohnehin die falsche Ebene. So viel Vertrauen hat die Votantin in die freisinnige Bildungsdirektorin, dass jedes Gesuch seriös geprüft wird. Die Votantin findet es haarsträubend, dass die Bildungsdirektion jetzt noch ein Bericht zu einem Postulat dazu machen soll. Man lasse sie doch endlich arbeiten.


://: Der Landrat lehnt den zum Postulat umgewandelten Vorstoss 2015/076 mit 48:31 Stimmen bei drei Enthaltungen ab. [ Namenliste ]




Für das Protokoll:
Markus Kocher, Landeskanzlei


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