Protokoll der Landratssitzung vom 25. November 2010
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2009-266 vom 24. September 2009 Interpellation der SVP-Fraktion: Weitere Irritationen im Bildungswesen Basel-Landschaft; Lehrplan 21: Mathematik, Deutsch und Lesen flop - Gleichstellung top! - Schriftliche Antwort des Regierungsrats vom 25. Mai 2010 - Beschluss des Landrats vom 25. November 2010: < erledigt > |
Paul Wenger (SVP) beantragt Diskussion.
://: Diskussion wird bewilligt.
Paul Wenger (SVP) erklärt, die Interpellation habe ihren Hintergrund in der Stellungnahme der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion zum Lehrplan 21 vom 31. Mai 2009. Mit dieser Materie haben sich wohl noch nicht viele Ratsmitglieder vertieft auseinandergesetzt.
Die regierungsrätlichen Antworten sind für die SVP-Fraktion nicht befriedigend, teils sogar dürftig und schwammig. Offensichtlich wollte oder konnte der Verfasser nicht verstehen, was eigentlich das Anliegen war.
Die Regierung schreibt, die Stellungnahme der BKSD zum Lehrplan 21 habe in der SVP zu Irritationen, Missverständnissen und tatsachenwidrigen Behauptungen geführt. Den SVP-lern wurde auch vorgeworfen, sie könnten nicht lesen und sie seien nicht in der Lage, das Thema geistig zu verarbeiten. Aber zur allgemeinen Beruhigung sei gesagt, dass es in der SVP-Fraktion durchaus Leute gibt, die dazu imstande sind.
In der BKSD-Stellungnahme heisst es unter anderem wörtlich: «Mit der Formulierung von überfachlichen Kompetenzen» - ein Modewort von Bildungspolitikern! - «und deren Verankerung in allen Fachbereichen sind wir einverstanden. Wichtig ist, dass klar und überprüfbar sichergestellt wird, dass überfachliche Kompetenzen wirklich im Lehrplan integriert sind und entsprechend im Unterricht aufgegriffen werden.» Weiter schreibt die BKSD: «Um der Anforderung einer erfolgreichen und zukunftsorientierten Identitätsentwicklung und Lebensbewältigung als Frau oder Mann gerecht zu werden, sind personale, soziale und methodische Kompetenzen aus einer reflektierten Genderperspektive erforderlich. Wir beantragen deshalb 'Gleichstellung fördern' nicht nur als soziale Kompetenz im Umgang mit Vielfalt zu verstehen, sondern explizit 'Genderkompetenz' als eigene überfachliche Kompetenz im Lehrplan 21 zu verankern.» Wenn man dies liest, muss die Frage erlaubt sein: Hat diese Thematik in der beabsichtigten Tiefe in einem Deutschschweizer Lehrplan für die Volksschule wirklich eine Berechtigung?
Wenn die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion dieses Thema - zumindest im genannten Schriftstück - derart ins Zentrum stellt, stellen sich für die SVP ebenfalls zentrale Frage. Es geht darum, ob die Baselbieter Volksschule, wenn sie auch diese Aufgaben noch wahrnehmen muss, den Bildungsauftrag in den Kernfächern überhaupt noch in der nötigen Tiefe erfüllen kann. In ihrer Stellungnahme verwendet die BKSD tatsächlich 32-mal die Begriffe «Kompetenz» oder «Gender-Kompetenz». Das sind absolute Modewörter aller Bildungsfunktionäre. Sie verschliessen sich beharrlich vor der Tatsache, dass Kompetenzen in irgend einem Fachbereich nur auf solidem Fundament von Wissen und Können überhaupt wachsen können. Es nützt niemandem etwas, wenn in dieser Stellungnahme ausschweifend von «Kompetenzerwartungen» geschrieben wird, die an die künftige Schule gestellt würden. Die Interpellationsbeantwortung kommt natürlich aus der gleichen Küche wie die zitierte Stellungnahme.
Die SVP-Fraktion vertritt dezidiert die Meinung, dass «Genderkompetenz» in der vorgeschlagenen Tiefe an den Volksschulen nichts verloren hat; man muss sich konzentrieren auf jene Fächer, bei denen zwingend Handlungsbedarf besteht.
Karl Willimann (SVP) kündigt an, in seiner nüchternen und analysierenden Art auch noch einige Ausführungen zu diesem Geschäft zu machen.
Die Antwort des Regierungsrates ist sehr weitschweifig und ein wenig abgehoben und unterstellt der SVP tatsachenwidrige Behauptungen, indem in der Vernehmlassung des Regierungsrates nur dreimal verlangt werde, dass die Genderkompetenz ein überfachliches Thema werden solle. Tatsache ist aber, dass es noch viermal implizit verlangt wird.
Beunruhigend ist, dass der Pisa-Bericht von 2006 klar aufzeigt, wo die Defizite an den Schulen liegen: schwergewichtig beim Rechnen, Lesen und Schreiben. In Mathematik liegt Baselland sogar leicht unter dem schweizerischen Durchschnitt. Was kommt nun aufgrund dieses Pisa-Berichts als Forderung der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion? Der Schwerpunkt «Gender» als überfachliches Thema sei notwendig im Lehrplan 21, heisst es. Und im Kommentar zu den Geistes- und Naturwissenschaften schreibt die BKSD: «Im Grundlagenbericht ist von einer Schwerpunktbildung im Fachbereich Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften die Rede, d.h. dort soll im Vergleich zur Ist-Analyse die Stundendotation angehoben werden. Wir betrachten dies etwas als Augenwischerei, wenn man bedenkt, wie viele Aspekte der überfachlichen Themen [...] zu bearbeiten sind.»
Seine «Gender»-Forderung begründet der Regierungsrat in der Interpellations-Beantwortung mit § 2 Absatz 2 des Bildungsgesetzes, wonach die Bildungseinrichtungen «die geschlechtliche und kulturelle Identität» der Lernenden zu achten habe. Das ist aber ein Nebenschauplatz des Bildungsbereichs, und es ist scheinheilig und unvollständig, nur darauf abzustellen. Denn der vorangehende Satz lautet: «Die Schulen [...] vermitteln ihren Schülerinnen, Schülern oder Berufslernenden das für ihr Leben nötige Wissen [...].» Dabei steht aber nicht in erster Linie die «Gender»-Thematik im Vordergrund, sondern die Grundfächer Lesen, Schreiben und Rechnen.
Fakt ist, dass in der BKSD-Stellungnahme von 2009 zum Lehrplan 21 das «Gender»-Thema zum Hauptanliegen des Kantons Baselland gemacht wird. Die Forderung von Pisa nach Stärkung der Naturwissenschaften wird von der BKSD als «Augenwischerei» bezeichnet.
Der SVP Illetrismus vorzuwerfen, ist äusserst unschön und ziemlich arrogant.
Im Lehrplan 21, soweit ihn der Kanton noch gestalten kann, sind Ideologen am Werk. Was hat eigentlich das Gleichstellungsbüro in diesem Lehrplan zu suchen? Alles Sich-herausreden-Wollen hat keinen Zweck, denn dieser Fakt ist erhärtet. Diese Stellungnahme zum Lehrplan 21 hätte der Gesamtregierungsrat stoppen müssen, ja eigentlich sogar der Bildungsdirektor, der zumindest ein bisschen über der Sache stehen sollte.
Die SVP wird die Entwicklung des Lehrplans 21 im Kanton sehr genau weiter verfolgen.
Christine Koch (SP) sieht die Situation etwas anders. Zu zählen, wie oft in einem Dokument der geschlechtergerechte Unterricht thematisiert wird, gehört wohl zu den mathematischen Grundkompetenzen - und diesbezüglich haben scheinbar gewisse Leute noch einen gewissen Nachholbedarf.
Die Fragen in der Interpellation sind teilweise so gestellt, dass sie Unzufriedenheit, Ängste und aktuelle Probleme für ihre Zwecke instrumentalisieren. Richtungsweisende Fragen wären wohl eher: Weshalb sind nur 38 % der Maturanden männlich? Warum sind die meisten Primarlehrkräfte weiblich? Diese Fragen sind neutral gestellt und fordern zum Nachdenken und nicht - wie die SVP-Fragen - zum Abwinken heraus.
Die Baselbieter Stellungnahme zum Lehrplan 21 fordert die Stärkung der Naturwissenschaften ausdrücklich. Das allein zu fordern, nützt aber nichts. Wer die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer fördern will, muss der Tatsache Rechnung tragen, dass dort der Anteil von Studentinnen deutlich geringer ist als jener ihrer männlichen Kollegen. Gerade deswegen ist es wichtig, in den Unterricht geschlechtsspezifische Ansätze und Aspekte einzubeziehen. Wer wie die SVP sagt, die Frau solle daheim bei den Kindern bleiben, und Mittagstischen und Tagesschulen mit Abneigung begegnet, muss sich nicht wundern, dass zu wenige Frauen ein mathematisch-naturwissenschaftliches Profil wählen. [Beifälliges Klopfen]
Eva Chappuis (SP) hofft, alle hätten den Vorgeschmack auf endgültige Lehrplan-Diskussionen genossen. [Heiterkeit]
Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) und seine Direktion haben sich Mühe gegeben, eine ausführliche, differenzierte Antwort zu formulieren, aus Respekt gegenüber den Fragen, und auch weil sie davon ausgegangen sind, dass zumindest die Verfasser dieser Fragen die differenzierten Antworten begreifen können. Es war nie die Absicht, abgehoben zu sein, sondern es wurde angenommen, dass die Vorlage durchaus verständlich sei.
Der Bildungsdirektor ist irritiert darüber, dass Paul Wenger den Begriff «Kompetenzen» beinahe als Schimpfwort verwendet. Er betrachtet es als wichtigen Fortschritt in der Bildungsentwicklung, dass mittels Standortbestimmungen, wie sie bei Harmos mit den Leistungsstandards und mit dem Bildungsmonitoring vorgesehen sind, Kompetenzen überprüft werden und nicht nur irgendwelches Wissen, das nach einer Prüfung sofort wieder vergessen wird.
Von überfachlichen Kompetenzen zu sprechen, hilft das Risiko zu identifizieren, dass diese viel zu generell formuliert werden, und deshalb muss man fordern, diese Ziele überprüfbar zu machen und nicht einfach als generelle Absichtserklärung stehen zu lassen.
Dass die SVP-Fraktion sich Sorgen macht über die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer, ist gut begründet und richtig. Es ist aber nicht so, dass irgend etwas Neues eingeführt bzw. gefordert wird. Was in der Vernehmlassung des Kantons Basel-Landschaft deponiert ist, ist nichts anderes als die heute in den Schulen gelebte Realität. Im Kanton wurde die Bevölkerung kürzlich gefragt, ob sie die Art der Auseinandersetzung mit Gleichstellungsfragen unverändert richtig finde, und jeder Demokrat akzeptiert, dass die Bevölkerung gesagt hat, die Gleichstellungsfragen sollen von der gleichen Institution weiter bearbeitet werden.
In einem Punkt, nämlich bezüglich des Begriffs «Augenwischerei», ist nicht ganz klar, ob die SVP-Fraktion eine Antwort wirklich missverstanden oder böswillig falsch verstanden hat. Wenn die Schwerpunktbildung in den Naturwissenschaften nur deklariert, aber nicht mit der nötigen Lektionendotation unterlegt wird, handelt es sich um Augenwischerei - so lautete die Stellungnahme der BKSD.
Im aktuellen Erarbeitungsstand des Lehrplans 21 ist der prozentuale Anteil der naturwissenschaftlich-technischen Inhalte aufgewertet worden und liegt nun über dem jetztigen schweizerischen Durchschnitt. Bei der Umsetzung auf kantonaler Ebene besteht zudem zusätzlicher Spielraum. Christine Koch hat es zurecht betont: Wer mehr Ingenieure und Ingenieurinnen will, muss dafür sorgen, dass früh - und zwar in einer Art, die Mädchen und Buben gerecht wird - Begeisterung und Interesse geweckt werden, sonst ändert sich an den heutigen Verhältnissen mit 38 % Männeranteil bei der Matur und 80 % Männern beim ETH-Ingenieurstudium nichts.
Karl Willimann (SVP) hat den Satz über die «Augenwischerei» tatsächlich anders interpretiert als der Bildungsdirektor, will sich darüber aber auf keinen Streit einlassen.
Dass es durch die Förderung des Gender-Unterrichts mehr Ingenieurinnen und Physikerinnen geben soll, wird gelegentlich behauptet. Das ist so weit hergeholt, wie wenn man behauptet würde, es gebe dadurch auch mehr männliche Hebammen.
Paul Wenger (SVP) hat selbstverständlich das Wort «Kompetenz» nicht als Schimpfwort gebraucht. Er ist der Letzte, der nicht begeistert und erfreut wäre, wenn die Schülerinnen und Schüler Kompetenzen haben. Aber trotzdem bleibt die überprüfbare Grundlage, um Kompetenzen zu entwickeln, ein solides Fundament von Wissen und Können.
Nun noch ein Geheimtipp: Wer sich mit der gesamten Thematik noch nicht befasst hat, sollte sich unbedingt einmal www.lilli.ch anschauen. Diese Homepage setzt sich nicht zuletzt mit dem Thema Sexualität auseinander und hat im Kanton Zürich kürzlich einen Preis erhalten. Der Inhalt dieser Seite fliesst über gewisse Kanäle offenbar auch in den Lehrplan 21 ein.
Christine Koch (SP) betont, für den Gender-Unterricht brauche es nicht eine wöchentliche Extra-Lektion. Genderthemen zu unterrichten, ist in der Turnhalle möglich, in der Rechnungs- oder Sprachstunde. Man kann Texte zu diesem Thema lesen, und gleichzeitig lassen sich auch das Lesen, das Schreiben und das Texte-Verfassen üben. Mehr Lektionen oder der Verzicht auf andere Inhalte sindnicht nötig. Gender-Themen können in jeden Unterricht integriert werden.
://: Damit ist die Interpellation 2009/266 erledigt.
Für das Protokoll:
Alex Klee-Bölckow, Landeskanzlei
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