1998-256 (1)
Landrat / Parlament || Bericht vom 15. April 1999 zur Vorlage 1998-256
Bericht der Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission an den Landrat
Verpflichtungskredit zugunsten der Gesundheitsförderung im Frühbereich II für die Jahre 1999 - 2003
Geschäfte des Landrats || Hinweise und Erklärungen
Landratsbeschluss (Entwurf)
1. Einleitung
Im Rahmen der Projektarbeit Prävention im Frühbereich I aus den Jahren 1992-1994 hat sich ergeben, dass im Kanton Basel-Landschaft ein breit gefächertes Angebot von Organisationen, Institutionen und privaten Initiativen für Familien mit Kindern im Vorschulalter vorhanden ist. Es bestehen jedoch Lücken im Bereich Koordination, Aus- und Weiterbildung sowie beim Erreichen spezieller Zielgruppen.
Prävention, insbesondere von Sucht- und Gewaltproblemen muss schon im Vorschulalter mit geeigneten Massnahmen einsetzen. In diesem Alter werden Weichen gestellt für Entwicklungen im positiven und negativen Sinn. Störungen, die ihre Wurzeln in der frühen Kindheit haben, werden jedoch oft erst im Jugendalter manifest. Es liegt im Interesse unserer Gesellschaft, dass der wichtigen Phase der frühen Kindheit allergrösste Sorgfalt und Beachtung geschenkt wird. Die in den letzten Jahren öffentlich gewordenen körperlichen Misshandlungen und sexuellen Ausbeutungen lassen erahnen, wieviel seelische Not und Hilfsbedürftigkeit in Familien aller Gesellschaftsschichten vorhanden sein muss.
Bei der Diskussion des Berichtes "Sucht- und Drogenarbeit im Kanton Basel-Landschaft" hat der Landrat ebenfalls verstärkte Anstrengungen für die Prävention im Frühbereich gefordert. Die Gesundheitsförderung Baselland hat deshalb das Konzept Prävention im Frühbereich II entwickeln lassen.
Prävention im Frühbereich II
Basierend auf den Ergebnissen des Pilotprojektes I werden die entsprechenden weiteren Massnahmen zur Verstärkung der Gesundheitsförderung und Prävention im Frühbereich sowie die entsprechenden Konsequenzen auf personeller und finanzieller Ebene dargelegt. Es geht um einen Kredit von insgesamt 400'000 Franken, verteilt auf 5 Jahre zu je 80'000 Franken.
Es werden folgende Ziele angestrebt:
- Breites Angebot für Mütter und Väter mit Kindern im Vorschulalter
- Zielgruppen und Fachleute sollen das Angebot kennen
- Hohe Qualität der Angebote
- Systematische Kontakte zur Zielgruppe
- Bevölkerung und Entscheidungsträger für den Frühbereich sensibilisieren
Die Massnahmen beziehen sich auf folgende Bereiche:
- Koordination, Vernetzung:
Leitbild, Angebotserfassung und -optimierung, Vernetzung, Informationsaustausch.
-Information und Dokumentation:
Dokumentationsstelle, Adressverwaltung und -vermittlung, Informationsbrief und periodische Versände, Erhebungen über Inanspruchnahme, Bedürfnisse und Lücken im Informations / Dokumentations-Bereich.
- Weiterbildung:
Handlungsfeldübergreifende Weiterbildungsangebote.
- Projekte:
Entwicklung, Förderung und Koordination von Einzelprojekten.
- Oeffentlichkeitsarbeit:
Aufzeigen der Bedeutung und der Möglichkeiten der verschiedenen Angebote.
2. Kommissionsberatung
Die Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission hat die Vorlage an ihrer Sitzung vom 31. März 1999 beraten. Die Beratungen wurden begleitet von Regierungsrat Eduard Belser, Rosmarie Furrer, Direktionssekretär VSD und Cornelia Conzelmann, Leiterin Gesundheitsförderung.
Eintreten
Bei der Beratung des Berichtes "Sucht- und Drogenarbeit im Kanton Basel-Landschaft" hat die Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission dem Landrat folgende Empfehlung an den Regierungsrat vorgeschlagen: Im Rahmen der neusten Erkenntnisse und der finanziellen Mitteln soll die Prävention im Frühbereich gefördert bzw. verstärkt werden.
In der Kommission wird die Vorlage "Gesundheitsförderung im Frühbereich II" deshalb allgemein gut aufgenommen.
Eintreten wird mit 10 zu 0 Stimmen bei 1 Enthaltung beschlossen.
Die wichtigsten Punkte der Beratung sind nachfolgend zusammengefasst:
Kindsmisshandlung in der Schweiz
Eine Befragung von Eltern mit Kindern unter 21/2 Jahren hat ergeben, dass 1/4 aller Eltern ihre Kinder auch schon oder öfters geschlagen haben.
Meist handelt es sich um Eltern, die überfordert sind und dringend auf Unterstützungsangebote angewiesen wären.
Gewalt in Schule und Familie
Eine aktuelle Untersuchung an Pratteler Schulen hat ein überraschendes Ergebnis gebracht: Gewalt wird mehr im häuslichen und weniger im schulischen Bereich erlebt. Es ist schwierig zu beantworten, ob Gewalt an den Schulen tatsächlich zugenommen hat. Wirklich zugenommen hat aber die Qualität der Gewalt; oft hört eine Schlägerei nicht auf, wenn einer unterlegen ist.
Wirksamkeit von Massnahmen im Frühbereich
Leider liegen keine Studien vor, welche einen direkten Zusammenhang zwischen Interventionen im Frühbereich und der Häufigkeit von Sucht- bzw. Gewaltentwicklungen belegen. Klar ist, dass in früher Kindheit die Grundlagen für den Aufbau von schützenden Persönlichkeitsfaktoren gelegt werden, welche Kinder im späteren Leben befähigen, sich vor süchtigem oder gewalttätigem Verhalten zu schützen. Ein als Kleinkind der Gewalt ausgesetzter Mensch entwickelt weniger Schutzmechanismen gegen Gewaltanwendung und wird eher Gewalt anwenden.
Untersuchungen haben zudem ergeben, dass bei vielen Eltern grundsätzliche Erkenntinsse über das Erleben und das Verhalten von Säuglingen und Kleinkindern nicht vorhanden sind.
Angebote im Frühbereich sind eigentliche Elternbildungsangebote. Sie sollen niederschwellig sein und wirksam werden, bevor etwas passiert. Zwischen Ratsuchenden und Beratenden muss ein Vertrauensverhältnis geschaffen werden.
Mütter- und Väterberatung
Für das Anbieten der Mütter- und Väterberatung besteht eine gesetzliche Grundlage. Nicht festgelegt ist aber, was und wie es getan werden soll. Sowohl vom finanziellen Aufwand als auch der Qualität der Angebote gibt es in den Gemeinden grössere Unterschiede. Die Erfahrung zeigt, dass viele Probleme abgefangen werden können, wenn das Netz in den Gemeinden gut funktioniert
Der Kinderarzt Dr. Früh hat bei seinen Kolleginnen und Kollegen eine kleine Umfrage gestartet, um herauszufinden, wie die Zusammenarbeit zwischen Kinderärztinnen/Kinderärzten und den Mütter- und Väterberatungsstellen funktioniert.
Geh-Strukturen
Eine schwierige Aufgabe der Gesundheitsförderung liegt darin, die benachteiligten Bevölkerungsgruppen, etwa die fremdsprachigen, zu erreichen. Zu diesem Zwecke werden Modelle von Geh-Strukturen erarbeitet, bei denen man nicht auf die Betroffenen wartet, sondern sie dort aufsucht, wo sie sich befinden.
Von Projekt I zu Projekt II
Die Angebote im Projekt I wurden anfangs der neunziger Jahren in einem Handbuch zusammengetragen und publiziert. Es geht nun darum, auf dem Bestehenden aufzubauen, das Angebot besser bekannt zu machen, die Qualität der Aus- und Weiterbildung zu fördern sowie die verschiedenen Anbieter zu koordinieren. Um auch die Bevölkerung auf die verschiedenen Möglichkeiten aufmerksam zu machen, soll eine Informations- und Dokumentationsstelle geschaffen werden.
Zusammenarbeit mit Basel-Stadt
Im Frühbereich bestehen im Kanton Basel-Stadt, wie auch in anderen Kantonen, diverse Angebote. Bei grösseren Projekten bzw. bei Fragen nach Strategien und Leitbildern wird das Gespräch über die Kantonsgrenzen hinweg gesucht.
Beim vorliegenden Geschäft ist für die konkrete Umsetzung die Zusammenarbeit nicht geplant, da gerade in den ersten Monaten das Leben sehr kleinräumig stattfindet, und niederschwellige örtliche Angebote genutzt werden.
Finanzierung
Die Einnahmen über den Alkoholzehntel sind in den letzten Jahren zurückgegangen. Die Einnahmen genügen schon heute nicht mehr, um alle entsprechenden Aufgaben zu finanzieren. Im Entwurf des Landratsbeschlusses soll deshalb bei Ziffer 2 der Satzteil "aus den Mitteln des Alkoholzehntels" gestrichen werden.
3. Antrag
Die Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission beantragt dem Landrat mit 10 zu 0 Stimmen bei 1 Enthaltung dem beiliegenden Entwurf eines Landratsbeschlusses zuzustimmen und 400'000 Franken für die Gesundheitsförderung im Frühbereich II für die Jahre 1999 bis 2003 zu bewilligen.
Laufen, den 14. April 1999
Im Namen der Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission
der Präsident: Marcel Metzger