Protokoll der Landratssitzung vom 30. Oktober 2008
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2008-105 vom 24. April 2008
Motion von Birgitta Rebsamen, CVP/EVP-Fraktion: Wert- und Ethikunterricht für Kinder
- Beschluss des Landrats am 30. Oktober 2008 < als Postulat überwiesen >
Nr. 795
Landratspräsident Peter Holinger (SVP) erklärt, die Regierung sei bereit, den Vorstoss in der Form eines Postulats entgegenzunehmen.
Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) erklärt dazu, der Vorstoss verlange eine Änderung des Bildungsgesetzes, wonach in den Lehrplänen neu ein Wert- und Ethikunterricht aufzunehmen sei. Zusätzlich soll der Kanton das Angebot der «Ethikschule Kind und Tier» in den Unterricht einbeziehen und mitfinanzieren.
Ein Postulat wäre das zweckmässigere Instrument, weil das Anliegen sowohl im Baselbiet als auch in der gesamten übrigen Deutschschweiz bereits auf dem Weg zur Umsetzung ist. Im Deutschschweizer Lernplan, der zur Zeit erarbeitet wird, wird im Lernbereich «Natur, Mensch, Gesellschaft» ein Fachbereich «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» entwickelt, dessen Fokus auf dem interreligiösen Lernen, auf dem Philosophieren über die Grundfragen des Lebens, auf Ethik und Demokratiebildung liegt. Dieser Fachbereich ist für die gesamte obligatorische Schulzeit, jeweils stufengerecht, vorgesehen.
Der Baselbieter Bildungsrat hat kürzlich ein obligatorisches Lehrmittel aus dem Schulverlag Bern mit dem Titel «FrageZeichen» bewilligt, das für die 3.-5. Klasse vorgesehen ist und die Ziele der Motion weitgehend abdeckt. Es soll ab dem Schuljahr 2010/11 an den Baselbieter Primarschulen eingeführt werden. Als Unterrichtsgefäss für dieses Lehrmittel dient der Teilbildungsbereich «Biblische Geschichte», wie er heute noch heisst - im Hinblick auf die Einführung des Deutschschweizer Lehrplans ist es wenig sinnvoll, solche Begriffe, auch wenn sie für einzelne veraltet tönen mögen, jetzt noch zu ändern.
Auch auf der Sekundarstufe I hat der Ethikunterricht im neuen Lehrplan zwei Zeitfenster: Einerseits dient die Klassenstunde in der ersten Klasse der Sekundarschule als Instrument für die Förderung der Sozialkompetenz, andererseits werden im Geschichts- und Geographieunterricht mit dem neuen Lehrmittel «Menschen in Zeit und Raum» ethische Themen behandelt.
Das Angebot der «Ethikschule Kind und Tier» in Allschwil soll wie alle anderen freiwilligen Angebote selbstverständlich genutzt werden - aber auch in Zukunft freiwillig und nicht vom Kanton finanziert.
Urs von Bidder (EVP) berichtet, vor kurzem seien in Zürich nichtsahnende Passanten aus einem fahrenden Auto mit Paintball -Kugeln beschossen worden - einfach so.
Bei solchen Vorkomnissen fragt man sich immer wieder: Kommen diese Täter eigentlich von einem fremden Planeten? Ist in diesen Menschen kein Funke von Achtung vor dem anderen, von Wertschätzung gegenüber dem Mitmenschen?
Und im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Finanzkrise fragt man sich: Was ist eigentlich bei diesen wohlsituierten Bankern früher einmal falsch gelaufen, dass sie unter «Lebenswert» nur noch Geldwert, Luxus und Wohlstand verstehen?
Aus diesen Überlegungen hinaus hat Urs von Bidder die Patenschaft für Birgitta Rebsamens Motion gerne übernommen, und er freut sich, dass der Regierungsrat den Vorstoss als Postulat entgegenzunehmen bereit ist.
Immer wieder ist festzustellen, dass im Schulalltag das Gespräch über Lebenswerte und Ethik leider zu kurz kommt, weil andere Lerninhalte halt gerade dringender sind. So gerät das für unsere Gesellschaft so zentrale Thema dann oft ungewollt in den Hintergrund. Die Motion verlangt nicht die Einführung eines eigentlichen, neuen Schulfachs «Werte und Ethik» an der Primarschule. Denn das Thema ist, wie erwähnt, in den jetztigen und künftigen Lehrplänen bereits abgedeckt. Was aber fehlt, sind die Strukturen, damit die hohen Ziele auch wirklich erreicht werden können. Dass ein neues Lehrmittel bewilligt worden ist, ist erfreulich. Die «Ethikschule Kind und Tier» in Allschwil ist eine Möglichkeit unter anderen. Dort waren seit 1999 schon viele Schulklassen aus beiden Basel zu Besuch. Die Kinder lernen dabei Achtsamkeit, Respekt, Fürsorglichkeit, Liebe im Umgang mit Lebewesen, und es ist nur schwer vorstellbar, dass ein Kind, das diesen Unterricht erlebt hat, später mit einem Paintball -Gewehr auf andere Menschen schiesst.
Es braucht niederschwellige und für die Gemeinden finanzierbare Angebote für Schulklassen, die eine solche Lektionsreihe besuchen wollen. Der Kanton sollte solche Institutionen unterstützen; nur so ist ihr langfristiges Überleben möglich. Das kommt günstiger als zu jeder Schule einen eigenen «Zolli» zu bauen.
Der Rat wird gebeten, den in ein Postulat umgewandelten Vorstoss zu überweisen.
Für das Protokoll:
Alex Klee-Bölckow, Landeskanzlei
Elsbeth Schmied (SP) und die SP können den Vorstoss als Postulat - nicht als Motion - überweisen.
Christoph Frommherz (Grüne) gibt zu bedenken, dass ethische Fragen und Wertdiskussionen ein wichtiges Bildungselement sind. Für viele Kinder kommt etwa der Strom einfach aus der Steckdose, ohne dass sie Näheres über dessen Produktion wissen. So stellen sich oberflächlich keine ethischen Fragen. Geht man aber ein wenig tiefer, so werden irgendwann auch AKWs ein Thema, und es stellen sich ethische Fragen. Dasselbe gilt für Nahrungsmittel wie etwa im Laden gekauftes Fleisch; bei näherer Betrachtung stellen sich auch hier in Bezug auf die Herkunft des Fleisches ethische Fragen.
Ethische Fragen und Wertdiskussionen sind sehr wichtig in der Umweltbildung. In Zusammenhang mit der von ihm selbst im Frühjahr eingereichten Interpellation zum Thema musste er fest stellen, dass die Umweltbildung vor allem auf der Sek-I-Stufe eher ein Mauerblümchendasein fristet. Handlungsbedarf ist also gegeben. Dass nun nach Aussagen des Regierungsrates im neuen Deutschschweizer Lehrplan bereits ein Gefäss vorgesehen ist, welches solche Fragen aufgreift, freut ihn. Die Motion sieht aber zudem vor, dass die Kurse an einem ausserschulischen Lernort stattfinden sollen, was den Vorteil hat, dass solche Fragen wesentlich authentischer angegangen werden können. Dort steht auch das notwendige Fachpersonal zur Verfügung, welches genau Auskunft geben kann; allerdings kostet das Ganze auch etwas.
Die Ethikschule als solche ist sicher ein gutes Angebot. Allerdings können seines Erachtens auch im Rahmen etlicher anderer sinnvoller Angebote ethische Fragen behandelt werden, so etwa bei einem Besuch auf dem Bauernhof oder im Wald. Aus den genannten Überlegungen könnten die Grünen sowohl eine Motion wie ein Postulat unterstützen.
Aldo Piatti (SVP) ist namens der SVP-Fraktion für eine Überweisung als Postulat.
Eva Gutzwiller (FDP) und die FDP-Fraktion sind anderer Meinung. Klar macht auch für sie Wert- und Ethikunterricht Sinn, dieser sollte aber nicht nur in der Schule, sondern auch daheim stattfinden. In der Schule wird er bereits jetzt fächerübergreifend angeboten. Mit der - mittlerweile in ein Postulat umgewandelten - Motion, welche sich auf eine einzelne Institution bezieht, hat die FDP aber grosse Mühe. Werden nun laut Aussagen des Bildungsdirektors bei der Erarbeitung des neuen Lehrplans Gefäs se ausgewiesen, in welchen dies Platz findet, so sei das sehr sinnvoll und unterstützenswert. Man dürfe aber nicht ausser Acht lassen, dass in den neuen Lehrplänen auch etliche andere Fächer Platz haben müssen. Letztlich sei das Ganze auch eine Frage der Priorität, und man fragt sich ein wenig, wie denn der Sachunterricht auch noch eventuell sein Plätzchen finden wird...
Mit einem Postulat sollte grundsätzlich nicht nur eine einzelne Institution unterstützt werden - auch wenn sie erwiesenermassen sehr gute Angebote führt. Denn letztlich geht es auch um die finanziellen Abgeltungen. Bereits heute werde zudem in machen Schulklassen Unterricht im Sinne von "Mensch und Tier" praktiziert, mittels welchem Kinder den direkten Umgang mit Tieren lernen und auch Beziehungen zu ihnen aufbauen können. Man lehnt das Postulat ab, die Motion sowieso.
Peter Holinger (SVP) stellt fest, dass der Vorstoss in ein Postulat umgewandelt wurde.
://: Der Landrat überweist das Postulat 2008/105 mit 43 Ja- : 22 Neinstimmen bei 4 Enthaltungen an die Regierung. [ Namenliste ]
Für das Protokoll:
Brigitta Laube, Landeskanzlei
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