Protokoll der Landratssitzung vom 31. März 2011
| |
|
32
2010-345 vom 14. Oktober 2010 Postulat von Urs von Bidder, CVP/EVP-Fraktion: Einführung von Klassenstunden in der Stundentafel der Sekundarschule - Beschluss des Landrats vom 31. März 2011: < überwiesen > |
Wie Landratspräsidentin Beatrice Fuchs (SP) mitteilt, ist der Regierungsrat bereit, das Postulat entgegenzunehmen. Sie fragt an, ob jemand dagegen sei.
Thomas de Courten (SVP) erklärt, für seine Fraktion stelle dieses Postulat ein weiteres Salamischeibchen dar.
Noch ein Wort zum vorherigen Geschäft: Die linke Seite hat behauptet, die Vorstösse seien vor Harmos eingereicht worden. Das ist einfach nicht wahr. Am 17. Juni 2010 wurde Harmos vom Landrat zu Handen der Volksabstimmung verabschiedet. Just, als sich abzeichnete, dass Harmos vom Parlament gutgeheissen würde, reichte die SP-Fraktion die Vorstösse ein.
Nun soll mit diesem Vorstoss obligatorisch eine Klassenstunde eingeführt werden, wobei nirgends geschrieben steht, ob diese täglich, wöchentlich, monatlich oder jährlich stattfinden soll. Es ist davon auszugehen, dass diese wöchentlich durchgeführt werden soll.
In seiner Schulzeit, so Thomas de Courten weiter, seien auch Klassenstunden durchgeführt worden. Immer dann, wenn eine Klassenstunde nötig war, hat der Klassenlehrer sich die Zeit dafür genommen.
Was ist überhaupt eine Klassenstunde? Gemäss den Zielen geht es darum, festzulegen, wie innerhalb einer Klasse miteinander umgegangen wird. Dafür braucht es keine obligatorische wöchentliche Klassenstunde. Diese braucht es vielmehr dann, wenn in einer Klasse Probleme anstehen. Ist das nicht der Fall, soll die Zeit für den fachlichen Unterricht genutzt werden.
Die SVP-Fraktion hält eine obligatorische Klassenstunde für unnötig und bittet, das Postulat abzulehnen.
Urs von Bidder (EVP) erklärt, er sei natürlich für die Überweisung des Postulates.
Er erinnert daran, dass es bereits einige Vorstösse zum Thema «Klassenstunde» gegeben hat, und macht deutlich, dass er den Regierungsrat mit seinem Postulat lediglich bittet, dem Bildungsrat Antrag zu stellen. Ihm ist bewusst, dass der Landrat nicht über die Einführung einer Klassenstunde diskutieren kann.
Über den Inhalt einer Klassenstunde sind die Schulen vom Amt für Volksschulen (AVS) informiert worden. Es geht um Schulorganisation, Abläufe, Zuständigkeiten, interne Schulregeln, gemeinsame Regeln innerhalb der Klasse sowie um Gesprächs- und Konfliktkultur. Aus eigener Anschauung auf der Primarschulstufe weiss er, dass allein das Thema «Konflikte» locker eine Stunde pro Woche in Anspruch nimmt, will dieses nachhaltig angegangen werden. Ferner geht es in der Klassenstunde um Mitsprachemöglichkeiten, Kameradschaft, Gesprächsleitung, Klassenleitbild, Verantwortung, gegenseitige Toleranz und Toleranz nach aussen, Gemeinschaftserlebnisse, Klassenaussprachen, Arbeitsplatzorganisation, Agenden, Zeitplan, Stressbewältigung und Materialpflege. Kurzum: Stoff ist genug da, und der Regierungsrat soll mit diesem Postulat beauftragt werden, beim Bildungsrat vorstellig zu werden. Der Zeitpunkt dafür ist genau richtig, werden doch jetzt die Stundentafeln im Bildungsrat besprochen. Es ist daher sehr erfreulich, dass Regierungsrat Urs Wüthrich bereit ist, das Postulat entgegenzunehmen.
Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) bemerkt, das Interessante an dieser Diskussion sei, dass im Moment fast alle Recht hätten.
Recht hat Thomas de Courten. Es ist wichtig, dass Fragen wie etwa Respekt oder Konfliktbewältigung nicht losgelöst, sondern in andere Themen integriert diskutiert werden.
Dass der Antragsteller mit seinem Vorstoss Recht hat, zeigt die Tatsache, dass das Zeitgefäss in der gemeinsamen Stundentafel, wie sie gegenwärtig im Hinblick auf den Lehrplan 21 diskutiert wird, vorgesehen ist. Es handelt sich um ein grösseres Zeitgefäss, bei dem es um religiöse Fragen, Ethik und um Gemeinschaft geht.
Er bittet, den Vorstoss zu überweisen. Damit wird nichts Neues erfunden; vielmehr wird damit der Rahmen bestätigt, welcher gegenwärtig abgesteckt wird.
Marc Joset (SP) kommt auf die Äusserung des Bildungsdirektors zurück, wonach ein Zeitgefäss vorgesehen sei. Es handelt sich um ein Zeitgefäss, das allen Klassenlehrkräften zur Verfügung steht. Dieses Zeitgefäss braucht nicht immer genutzt zu werden, aber es soll zur Verfügung stehen, wenn es etwas zu besprechen gibt. Es gibt Lehrpersonen, die regelmässig eine Klassenstunde durchführen, was dann auf Kosten des Unterrichtsstoffes geht, und andere, die dies nicht tun, möglicherweise aus Angst, mit dem Unterrichtsstoff in Rückstand zu geraten. Wenn das Zeitgefäss zur Verfügung steht, ist gewährleistet, dass die von Urs von Bidder genannten Themen behandelt werden können und gleich lange Spiesse für alle gelten.
Regina Vogt (FDP) ist der Meinung, dass die Durchführung der Klassenstunde, wie Thomas de Courten sie beschrieben hat, sinnvoll ist.
Da aber das Geschäft im Moment beim Bildungsrat liegt und noch nichts entschieden ist, will die FDP-Fraktion natürlich auch wissen, was dort geht. Die Offenlegung des künftigen Lehrplans wird es zeigen.
Die Diskussion innerhalb der Fraktion hat allerdings ergeben, dass diese gegen die obligatorische Einführung einer Klassenstunde ist.
Jürg Wiedemann (Grüne) weist darauf hin, dass Harmos beschlossen sei und umgesetzt werde, was bedeute, dass eine völlig neue Stundentafel und neue Lehrpläne entstünden.
Der Bildungsrat wird über die Stundentafel entscheiden. Mit seinem Postulat gibt Urs von Bidder dem Bildungsdirektor den Auftrag, den Bildungsrat um eine Prüfung zu bitten, ob die Klassenstunde sinnvoll ist oder nicht. Es besteht keinesfalls die Idee, die Klassenstunde vor Harmos einzuführen; vielmehr soll dies sinnvollerweise im Rahmen der neuen Stundentafel geschehen. Der Zeitpunkt für diesen Vorstoss ist richtig, damit der Bildungsrat das Anliegen jetzt prüfen kann.
Karl Willimann (SVP) stellt fest, es bestehe eine Wechselwirkung mit dem Lehrplan 21. Ganz sicher gäbe es in Bezug auf den Lehrplan 21 noch ganz andere Wünsche als der von Kollega von Bidder genannte Wunsch, eine Klassenstunde einzuführen. Im Übrigen will er von diesem wissen, was denn bei Einführung einer Klassenstunde wegfallen würde.
Oskar Kämpfer (SVP) weist darauf hin, dass nicht nur über Harmos abgestimmt worden sei, sondern auch über ein Sonderpädagogik-Konzept. Heute ist doch noch gar nicht bekannt, wie die Schulklassen im Einzelnen strukturiert und aufgestellt sein werden. Den Schülerinnen und Schülern soll mit der Klassenstunde eine «Plattform für die Entwicklung und Reflexion ihrer Sozialkompetenz» gegeben werden. Sozialkompetenz lernt man nicht in einer bestimmten kurzen Zeit in der Schule, und wenn, dann nur in einer bestimmten Konstellation.
Die Klassen werden aufgrund des Sonderpädagogik-Konzepts anders zusammengesetzt sein. Der Bildungsraum soll sich jetzt umstellen und beruhigen können. Später wird sich möglicherweise ein Bedarf zeigen, die Sozialkompetenz zu steigern.
Aus seiner - weit zurückliegenden - Erfahrung glaubt Oskar Kämpfer nicht, dass Sozialkompetenz, die einem Kind von zu Hause aus nicht mitgegeben wurde, in der Schule aufgebaut werden kann. Diese kann vielleicht in der Schule verbessert werden, aber dabei gilt es die Rahmenbedingungen, die in der Schule dereinst gelten werden, zu berücksichtigen. Dem Bildungsdirektor darf doch nicht vorgegeben werden, wie Harmos und das Sonderpädagogik-Konzept umgesetzt werden.
Christoph Frommherz (Grüne) erinnert den Sprecher der SVP-Fraktion daran, dass es um ein Postulat gehe. Alle Fragen, die dieser jetzt aufgeworfen hat, können mit dem Postulat beantwortet werden.
Er bittet, den Vorstoss zu befürworten.
Für Eva Chappuis (SP) ist es völlig unerklärlich, wie zwischen diesem Postulat und dem Sonderpädagogik-Konkordat ein Zusammenhang hergestellt werden kann. Von diesem Konkordat wird nur eine kleine Minderheit der Klassen betroffen sein, und die Zusammensetzung der Klassen wird sich nicht verändern. Es werden immer Kinder in den Klassen sitzen, die in etwa gleich alt sind und die in etwa den gleichen Entwicklungsstand haben. Es ist durchaus sinnvoll, den Kindern ein Gefäss zur Verfügung zu stellen, wo sie über sich selber, ihre Rolle in der Gruppe sowie über ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung diskutieren können; ein Gefäss auch, wo sie Probleme und Konflikte angehen können, wo sie Regeln für sich selber aufstellen können und wo sie überprüfen, wie sie es schaffen, diese Regeln auch einzuhalten.
Urs von Bidder schlägt den völlig korrekten Weg ein, indem er die Regierung nur bittet, dem Bildungsrat entsprechende Überlegungen mitzuteilen und das Anliegen von diesem prüfen zu lassen.
Die jetzt noch nicht beratende Stundentafel sieht solche Gefässe vor, weil dies wichtig für die Schülerinnen und Schüler und nicht etwa ein Luxus ist. Es sind ernsthafte Themen, welche die jungen Menschen bewegen, und es soll ihnen die Möglichkeit geboten werden, mit diesen umzugehen.
Gemäss Regierungsrat Urs Wüthrich (SP) hat Karl Willimann deutlich gemacht, dass die Stundentafeln selbstverständlich Kampfplätze der Bildungsmächte sind, und jede Disziplin hat überzeugende Argumente für eine Verdoppelung der ihr zugeteilten Lektionen. Auch im Bildungsrat zeichnet sich bereits ab, wer auf Kosten von wem vorwärts kommen möchte.
Es besteht die etwas komplizierte Situation, dass der Landrat durch die Überweisung des Postulates zur Kenntnis nimmt, dass die Prüfungsaufgaben gegenwärtig geleistet werden. Sollte das Postulat nicht überwiesen werden, dann könnte dies so gedeutet werden, als habe der Bildungsrat einen Prüfungsstopp verordnet bekommen.
Aus diesen Überlegungen appelliert der Bildungsdirektor an die Landrätinnen und Landräte, den Vorstoss zu überweisen.
://: Das Postulat 2010/345 wird mit 43:35 Stimmen überwiesen. [ Namenliste ]
Für das Protokoll:
Barbara Imwinkelried, Landeskanzlei
Back to Top