Protokoll der Landratssitzung vom 15. Februar 2007
Protokoll der Landratssitzung vom 15. Februar 2007 |
|
12
2006-225
vom 21. September 2006
Motion
von Martin Rüegg, SP: Sport als Promotionsfach
- Beschluss des Landrats am 15. Februar 2007 < überwiesen >
Nr. 2274
Landratspräsidentin Elisabeth Schneider -Schneiter (CVP) teilt mit, dass die Regierung die Motion ablehnt.
Regierungspräsident Urs Wüthrich (SP) begründet die Haltung der Regierung folgendermassen:
Bisher ist Sport im Niveau P der Sekundarstufe I und der Maturabteilung der Gymnasien nicht Promotionsfach, weil die Promotion auf die Maturität ausgerichtet ist. Dabei kommt die Überlegung zum Tragen, dass das Verhältnis der Fachbereiche auf dieser Bildungsschiene von Anfang an bis zur Abschlussprüfung ungefähr übereinstimmen soll. Das ist mit ein Grund, dass Musik und Bildnerisches Gestalten im Niveau P nicht zählen.
Die Schulleitungskonferenz der Gymnasien hat den Motionär angehört und die Motion diskutiert. Die darin aufgeführten Argumente sind zum Teil mit Verständnis zur Kenntnis genommen worden, vor allem weil die Erfahrungen mit dem Sport in der Fachmaturitätsschule (FMS) darauf hindeuten, dass die Leistungsbereitschaft steigt, wenn der Sport tatsächlich als Unterrichtsfach zählt und benotet wird. Verständlicherweise unterstützt das Sportamt das Anliegen des Motionärs. Auf der anderen Seite machen gerade die Gymnasien Einwände geltend: Es gibt in diesem Bereich eine beträchtliche Anzahl Schüler, die aus gesundheitlichen Gründen dauernd oder für ganze Semester dispensiert sind und deshalb nicht die gleichen Bedingungen hätten. Als besonders problematisch wird angesehen, dass damit vielen Schülerinnen und Schülern die Promotion, nicht aber die Matur erleichtert würde, was zu einer höheren Durchfallquote führen könnte. Für eine Minderheit sportlich wenig begabter Schülerinnen und Schüler würde das Gymnasium erschwert durch einen Fachbereich, welcher mit der Studierfähigkeit nicht direkt etwas zu tun hat - mit Ausnahme jener, die sich für Sportwissenschaften oder die Sportlehrerausbildung entscheiden. Teilweise wird auch bedauert, dass damit in einem Fach, das sich bis anhin durch Fehlen eines Leistungsdiktats ausgezeichnet hat, neu das gnadenlose Notendiktat zur wichtigsten Bestimmungsgrösse würde.
Der Blick in andere Kantone, beispielsweise in den Kanton Solothurn, zeigt, dass sich mit dem Promotionsfach Sport keine speziellen Probleme ergeben haben, allerdings sind dort aus den vorher genannten Überlegungen die Promotionsbedingungen verschärft worden.
Generell ist festzustellen, dass im Rahmen der aktuellen Bestrebungen zur Harmonisierung der Bildungslandschaft Schweiz eine Insellösung Basellands sicherlich weder sinnvoll noch vertretbar wäre. Wenn schon, müsste eine Koordination und ein Systemwechsel auf gesamtschweizerischer Ebene stattfinden.
Motionär Martin Rüegg (SP) bemerkt vorab, dass er zwar als Motionär aufgeführt sei, aber in erster Linie für den gesamten Vorstand der Parlamentarischen Gruppe Sport spreche.
Im Vorfeld zur heutigen Debatte war für Martin Rüegg zudem spürbar, dass Einzelne sich offenbar daran störten, dass der Vorstoss aus seiner Küche komme, denn er würde doch als Sportlehrer - so die Meinung - in erster Linie pro domo reden. Das ist ein Vorwurf, der ihn erstaunt hat. Er weist darauf hin, dass er zur Zeit noch einer Klasse Sportunterricht (3 Wochenlektionen) erteile und in ein paar Jahren ganz damit aufhören werde. Bis die Motion umgesetzt sei, werde er längst aus dem Verkehr gezogen sein.
Im Übrigen steht Martin Rüegg offen dazu, die Anliegen des Sports und der Gesundheitsförderung zu vertreten - das sei sein gutes Recht. Wie alle anderen sei er auch ein Interessenvertreter, was mitunter ein Grund sein dürfte, dass er gewählt und wiedergewählt worden sei. Auch andere seien Interessenvertreter: Daniel Wenk setzt sich für den Wald und Hansruedi Wirz für die Obstbäume und für die Schnapsbrennerei ein, Remo Franz und Hanspeter Frey sind Mitglieder der Bau- und Planungskommission, wo ihr Fachwissen gefragt ist, Eric Nussbaumer engagiert sich für alternative Energien und Daniela Schneeberger für Konkubinatspaare - diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen. [Heiterkeit]
Er rede, so Martin Rüegg weiter, für den Sport und bitte um Nachsicht. Es sollte nun vor allem über den Inhalt der Motion diskutiert werden.
Was spricht für das Anliegen? Bei den alten Griechen war das gymnasion eine Stätte, wo leichtathletische Disziplinen ausgeführt wurden, wo aber auch gemeinsam philosophiert wurde. Bewegung und Sport und damit auch der Sport als Schulfach haben in den vergangenen Jahren zu Recht an Bedeutung gewonnen. Sport ist nicht nur gut für die Gesundheit, sondern er trägt auch zur Persönlichkeitsentwicklung bei und hilft bei der Integration ausländischer Kinder. Im Sport ist es möglich, den friedlichen Umgang mit Aggressionen zu lernen und die Konzentrationsfähigkeit und damit generell die Leistungsfähigheit in der Schule zu steigern.
Martin Rüegg wehrt sich - mit Verweis auf die offenbar in Zweifel gezogene Studierfähigkeit - gegen die Ansicht, dass Sport und Bewegung rein physische Vorgänge seien.
Das Fach hat im Niveau P der Sekundarstufe I und am Gymnasium den Charakter eines obligatorischen Freifachs; es wird zwar eine Note gesetzt, aber sie zählt nicht. Dieser Sonderfall ist aus der Sicht Martin Rüeggs nicht mehr zeitgemäss - was nämlich nichts zähle, sei nichts wert. Das Signal, welches damit an die Schülerinnen und Schüler ausgesendet werde, findet er gerade in der heutigen Zeit falsch.
Mit der Einführung von Sport als Promotionsfach wird dieses den anderen Fächern gleichgesetzt und damit für alle verbindlicher - für Schülerinnen und Schüler, aber auch für Lehrerinnen und Lehrer, die das Fach unterrichten. Die Qualität wird damit steigen. Das Geld, das in den Sportunterricht investiert wird, ist damit auch besser angelegt.
Die jahrelangen Erfahrungen im eigenen Kanton, aber auch in anderen Kantonen, nicht nur in Solothurn, sondern auch in Luzern und Appenzell, sind ausschliesslich positiv. Wichtig ist auch, dass die Einführung des Sports als Promotionsfach den Kanton nichts kostet; es geht lediglich um einen Systemwechsel. Die Noten werden sowieso erhoben, und es müsste keine einzige zusätzliche Lektion erteilt werden.
Mit der Überweisung der Motion würde ein wesentlicher Beitrag zur Stärkung einer glaubhaften Bewegungs- und Sportpolitik im Kanton geleistet werden. Der gesamte Vorstand der Parlamentarischen Gruppe Sport bittet, die Motion zu überweisen.
Zur Bemerkung von Regierungspräsident Urs Wüthrich, wonach eine grosse Anzahl Schülerinnen und Schüler vom Schulsport dispensiert sei, stellt Martin Rüegg fest, an seiner Schule seien es lediglich 1%.
Das Argument des Regierungspräsidenten, dass die Promotion einfacher, aber die Matur schwieriger werde, gilt nicht nur für den Sport, sondern für alle Fächer, die früher abgeschlossen werden, wie z.B. Geographie, Biologie und Chemie.
Zum Freiraum, der durch "gnadenloses Notendiktat" scheinbar beschnitten werde, ist zu sagen, dass dieser durch Freifächer und freiwilligen Schulsport in genügendem Masse gewährt wird. Auch weiterhin wird es darum gehen, mit dem Sport einen Ausgleich zu anderen Fächern zu bieten.
Es wäre im Übrigen schwierig, eine gesamtschweizerische Harmonisierung in dieser Frage, wie auch bei anderen Bildungsfragen, den Sprachen etwa, zu erreichen. Martin Rüegg hat den Eindruck, das Argument werde angeführt, um sein Anliegen zu verhindern. Er bittet den Landrat, die Motion zu überweisen.
Rolf Richterich (FDP) erklärt, seine Fraktion sei grossmehrheitlich gegen die Überweisung der Motion, aber keineswegs gegen Bewegung und Sport. Das Ziel ist das gleiche, aber der Weg ein anderer. Das Ziel - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper - wird nicht automatisch mit Sport als Promotionsfach erreicht werden.
Sport ist zwar obligatorisch, aber untersteht nicht dem Promotionsdruck - es ist also das letzte Refugium, wo man sich nach Lust und Laune bewegen kann, ohne sich wegen der Promotion Sorgen machen zu müssen, weil man dort die Note 3 erhalten hat. Auch weniger begabte Schüler sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitturnen und Spass dabei haben können. Wird Sport zum Promotionsfach, fällt der Spass weg, und die Schüler suchen sich vielleicht durch einen Dispens vom Sportunterricht zu befreien.
Im Maturitäts-Anerkennungsreglement (MAR) ist Sport nicht als Maturitätsfach aufgeführt; die Probleme, die dadurch entstehen würden, sind bereits genannt worden.
Würde Sport nun zum Promotionsfach erklärt, wäre der Promotionsdruck grösser, aber das Resultat würde dadurch nicht besser. Zudem ist es völlig systemfremd, ein Promotionsfach bis zum Ende der Gymnasialzeit zu führen, dieses aber nicht im Rahmen der Maturität zu prüfen.
Der Bund hat übrigens im Rahmen von MAR festgelegt, dass ein "Z" nicht ein Ergänzungsfach Sport wählen kann. Er hat den Riegel geschoben, damit es nicht möglich ist, quasi auf dem "Armenweg" die Maturität zu erlangen.
In Sachen FMS ist anzumerken, dass diese die Vorstufe für eine Primarlehrerausbildung ist, bei der Sport und Turnen wichtig sind. Unter diesem Gesichtspunkt ist es richtig, dass Sport in der FMS ein Promotionsfach ist.
Beim Argument, Sport müsse Promotionsfach sein, um die Schüler dazu zu bringen, sich zu bewegen, gilt es zu bedenken, dass das ausserschulische Angebot in diesem Bereich am grössten ist und auch rege benutzt wird.
Es ist fraglich, wie mit Dispensationen umzugehen wäre - notabene nicht nur mit den echten, sondern auch mit den vorgeschützten.
Würde Sport zum Promotionsfach erklärt, so würden jene Kreise, die sich jetzt für die Motion stark machen, beanstanden, dass der Druck auf die Schülerinnen und Schüler steige. Vorausschauend liesse sich das vermeiden, indem Sport nicht zum Promotionsfach gemacht wird. Einige Gründe sprechen also dagegen, und die FDP ist der Meinung, dass die Motion nicht überwiesen werden sollte.
Ihre Fraktion habe nach langer und kontrovers geführter Diskussion der Motion mehrheitlich zugestimmt, gibt Myrta Stohler (SVP) bekannt. Sie hat sich dabei auch von der Überlegung leiten lassen, dass der Sportunterricht, wäre er Promotionsfach, besser besucht würde. Zudem geht es um Gesundheitsförderung bei den Jugendlichen, und diese fängt mit Bewegung und Sport an.
Agathe Schuler (CVP) teilt mit, die CVP/EVP-Fraktion sei mehrheitlich für die Überweisung der Motion und habe diese auch mitunterschrieben; eine Minderheit werde den Vorstoss nicht unterstützen.
Als Mitglied der Parlamentarischen Gruppe führt sie folgende Gründe an, die aus ihrer Sicht dafür sprechen, die Motion zu unterstützen: Sport, körperliche Aktivitäten und Fitness haben einen hohen Stellenwert für unser Leben. Sie tragen zum körperlichen und seelischen Wohlbefinden eines Einzelnen und der Gemeinschaft bei, und zwar genauso wie die musische Betätigung. Aus diesem Grund übrigens gibt es in unseren Schulen auch die Promotionsfächer Zeichnen und Musik, sowohl in der P-Abteilung der Sekundarstufe I als auch auf der Sekundarstufe II.
Als Grund gegen Sport als Promotionsfach wird häufig ins Feld geführt, dass dieser schwierig zu benoten sei. Das stimmt nicht - Sport lässt sich genauso gut beurteilen wie z.B. Sprachen.
Sport ist in den anderen Niveaus der Sekundarstufe I Promotionsfach.
Es ist auch nicht so, dass jemand mit guter körperlicher Konstitution a priori eine gute Note bekommt, und jemand mit körperlichen Problemen, wie etwa Fettleibigkeit, grundsätzlich keine gute Note erzielen kann. Mit der Aussage Rolf Richterichs, man müsse es sich im Sport leisten können, eine schlechte Note zu haben, ist Agathe Schuler nicht einverstanden - eine solche Aussage schade unseren Schulen.
Wer sich im Turnen engagiert, zur Gemeinschaft etwas beiträgt und versucht, sein Bestes zu geben, werde mindestens eine genügende Note im Fach Sport erreichen, gibt Agathe Schuler sich überzeugt.
Sport ist, wie bereits gehört, auch in anderen Kantonen ein Promotionsfach und damit nichts Exotisches. Zur Aussage, Sport sei kein Studienfach, ist anzumerken, dass Sport an den Hochschulen unterrichtet wird und es auch möglich ist, in diesem Fach im In- und Ausland zu promovieren.
Was die Sekundarstufe I angeht, so ist es schlichtweg unverständlich, dass Sport in den Niveaus A und E Promotionsfach ist, nicht aber in Niveau P.
Aus genannten Gründen bittet Agathe Schuler, die Motion zu unterstützen.
Kaspar Birkhäuser (Grüne) erklärt, er habe mit Staunen zur Kenntnis genommen, dass die Regierung den Vorstoss nicht einmal als Postulat entgegennehmen wolle. Auch die Begründung dafür hat ihn sehr enttäuscht. So wurde angeführt, man wolle HarmoS nicht vorgreifen. Hier ist zu sagen, dass der Sport in unserem Kanton und später auf gesamtschweizerischer Ebene mehr Gewicht erhalten soll. Ferner wurden bei der Begründung polemische Formulierungen wie "gnadenloses Notendiktat" verwendet. Ist diese Wortwahl im Zusammenhang mit Sport angebracht?
Rolf Richterich hat von einem anderen Weg gesprochen, um dem Sport Geltung zu verschaffen. Um welchen anderen Weg handelt es sich dabei?
Schon die alten Griechen hatten erkannt, dass der Grundsatz eines gesunden Geistes in einem gesunden Körper richtig ist, und diesen in ihrem Bildungswesen umgesetzt. An der Richtigkeit dieses Grundsatzes hat sich bis heute nichts geändert; dieser sollte sich auch in unserem Bildungs- und Schulwesen widerspiegeln. Bei der Promotionsordnung ist dies aber zur Zeit nicht der Fall, weshalb die Motion entstanden und von Vertretern aller Fraktionen unterzeichnet worden ist.
Die Grünen unterstützen das Anliegen - die Hälfte der Fraktion in Form einer Motion und eine Mehrheit jedenfalls in Form eines Postulats.
Rudolf Keller (SD) zeigt sich überrascht und enttäuscht, dass der Regierungsrat den Vorstoss ablehnt. Es wird doch immer wieder betont, wie wichtig die sportliche Betätigung sei. Vor den Wahlen war landauf, landab von den Kandidierenden zu hören, dass der Breiten- und der Schulsport zu fördern seien. Auch nach den Wahlen sollte man zu seinem Wort stehen, findet er. Wenn Sport zu einem Promotionsfach würde, gäben sich alle betroffenen Schülerinnen und Schüler mehr Mühe. Die jungen Menschen würden mehr für ihre Gesundheit tun. Das Fach würde auch ernster genommen. In physischer und psychischer Hinsicht wäre das ein Fortschritt für die betroffenen Schülerinnen und Schüler - Bewegung macht Menschen freier. Der Mensch besteht nicht nur aus sprachlichen, mathematischen, musischen und anderweitigen Begabungen; auch Bewegung gehört dazu.
Die Leistungen im Fach Sport sind auch nach klaren Kriterien bewertbar, und sie werden heute bereits bewertet. Neu ist lediglich, dass die Note auch für die Promotion zählen wird. Die Sportlehrerinnen und -lehrer sind auch entsprechend ausgebildet.
Als Präsident der Parlamentarischen Gruppe Sport fordert Rudolf Keller seine Landratskolleginnen und -kollegen auf, sich zu bewegen und zu dieser Motion Ja zu sagen.
[ Fortsetzung der Beratungen dieses Geschäfts ]
Für das Protokoll:
Barbara Imwinkelried, Landeskanzlei
Fortsetzung